Neue Trainings braucht das Land!

Artikel von Christa Mesnaric

Bildung und Weiterbildung für Digital Natives und Generation Y

Der Demographische Wandel ist in aller Munde, doch es geht fast ausschließlich um Zahlen und Prozent-Anteile an Altersgruppen, also den quantitativen Aspekt der Mitarbeiter-Veränderung. Kaum jemand betrachtet den Qualitativen Demographischen Wandel.

Zum ersten Mal in der Geschichte haben wir gleichzeitig vier Generationen in Führungspositionen. Und zum ersten Mal können achtjährige Kinder ihren Eltern oder Großeltern in wichtigen Themen Dinge beibringen. Diese Tatsache erfordert ein Umdenken in Bezug auf Wissensmanagement und Hierarchien. Wir brauchen eine neue Didaktik und neue Methoden um praxistaugliche Verhaltensveränderungen zu bewirken, die den Arbeitsalltag verändern. Marc Prensky, einer der großen amerikanischen Forscher, formulierte bereites 2001: „Unsere Studenten heute sind nicht mehr die Menschen, für die unser Bildungssystem gemacht wurde.“ (On the Horizon, Vol. 9, Dezember 2001)

Diese Studenten sind heute unsere Führungskräfte, Mitarbeiter und die Teilnehmer in Trainings und Coachings.

Wer ist Generation Y?

„Digital Native“ und „Generation Y“ sind Bezeichnungen für die Generation der nach 1980 geborenen Menschen. Sie folgen den Generationen X (1965 – 1979) und Boomer (1946 – 1964).

Die junge Generation der Digital Natives lernt anders und braucht neue angepasste didaktische Konzepte und neue Methoden. Da die Verlinkung innerhalb ihres semantischen Netzes viel schneller passiert, braucht es schnellere Methoden. Wissen in Form von Zahlen, Daten Fakten tritt in den Hintergrund, ist jederzeit digital „on demand“ erreichbar. In früheren Zeiten war es wichtig, Daten im Kopf zu haben. Heute gibt es Google und Wiki.

Digital aufgewachsen

So wie die Generation Boomer mit Autos aufgewachsen ist wächst die Generation Y digital auf. Einjährige machen beim Anblick eines handyähnlichen Gerätes den „Wischfinger“, Dreijährige bestellen im Internet Waren und Fünfjährige erklären den Großeltern, wie sie den Computer bedienen können.

Gen Y denken modularer und dadurch schneller und ganzheitlicher. Sie langweilen sich sehr schnell. Ihre größte Angst ist es, warten zu müssen. In Gesprächen unterbrechen sie den Sprecher, wenn es ihnen zu lange dauert.

Selbstbestimmt, unabhängig, experimentierfreudig

Gen Yer fühlen sich unabhängig und selbstbestimmt. Sie verlassen eine Gemeinschaft, wenn diese nicht zu ihrem Wesen und ihren Zielen passt. Yer sind offen und experimentierfreudig. Sie sind multikulti und paradox. Ältere Generationen empfinden sie oftmals als unlogisch, unberechenbar und unzuverlässig. Dabei wollen sich Yer einfach nicht festzurren lassen, sondern ihre Freiheit bewahren. Sie nehmen sich das Recht, sich schnell und unverbindlich neu zu entscheiden, wenn Parameter nicht mehr stimmen. Die wichtigsten Kriterien sind dabei: Offenheit, Aufrichtigkeit, Klarheit, Ehrlichkeit, Transparenz und Spaß.


Schlanke Werte: Opportunismus statt Loyalität

Gen Yer leben weniger Werte, diese dafür kompromissloser. Das lässt sie egoistischer und wenig teamorientiert erscheinen. Sie wollen Wirkung erzeugen, die mit ihren eigenen Vorstellungen übereinstimmt. Eine von den eigenen Überzeugungen losgelöste Leistungserbringung, die ausschließlich der Karriere oder dem Gelderwerb dient, findet man bei Gen Yern seltener. Sie wollen Spaß haben und da entscheiden Herz und Emotionen, was getan wird.

Die Kehrseite dieser Medaille heißt Opportunismus. Gen Yer fühlen sich frei, ihr Leben nach dem Rosinenprinzip zu leben. Verbindlichkeit als Tugend wird ersetzt durch Selbstmotivation und Ehrgeiz.

Der Wert Loyalität hat den Rückzug angetreten. Gen Yer folgen einem Menschen nur, solange er ihrem Wertesystem entspricht und es für sie sinnvoll erscheint. Autorität als Erziehungs- und Führungsfaktor nimmt ab.

Der Wert Liebe und Familie bleibt! Die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit ist bei Digital Natives genauso groß wie bei allen Menschen früherer Generationen.

Fleißig und unverbindlich

Gen Yer sind ehrgeizig und fleißig, aber in einem natürlichen Maße. Sie arbeiten und lernen lieber ohne große Verbindlichkeit, spontan, weil sie das, was sie gerade machen, als sinnhaft oder freudvoll empfinden. Sie lehnen tiefe Hierarchien ab, wenn diese bewegungseinschränkend sind, und tummeln sich lieber locker in virtuellen Teams. Sie entfalten sich am besten im flexiblen Raum, der Gestaltungsfreiheit für Strukturen und Prozesse lässt und in dem sie sich selbst organisieren können. Stärker als frühere Generationen bestehen sie darauf, Zeit und Ort selbst zu bestimmen. Sie fordern schnelle Entscheidungswege und direkten Zugang zu Netzwerkpartnern.

Sind die Gen Yer eine Spaßgesellschaft?

Ja, eindeutig! Spaß an der Arbeit, Spaß in der Freizeit – Freude, Freiheit, Leichtigkeit – das sind angestrebte Lebensqualitäten. Die Gen Y liebt ein leichtes, schwebendes Leben, dem virtuellen Space – ohne harte Widerstände – nachempfunden.

Mentoren statt Chefs

Digital Natives brauchen eher Mentoren als Chefs. Sie folgen gerne integeren Persönlichkeiten und fordern gleichzeitig Freiräume und Flexibilität. Wichtigster Grundsatz: keine Machtspiele. Gen Y fordert eine transparente und ehrliche Behandlung vom Vorgesetzten und verliert schnell das Vertrauen bzw. beantwortet diesen Vertrauensverlust mit Abkehr vom Unternehmen.

So lernen Digital Natives

Digital Natives lernen hauptsächlich über Eigenerfahrung. Sie haben in Tests extrem kurze Aufmerksamkeitsspannen bei herkömmlichem Lernen. Hier wird eine hohe Unruhe beobachtet. Lange Aufmerksamkeitsspannen werden gemessen, wenn die Y-Lerner Spielen und Übungen absolvieren, die auf ihren Interessensgebieten liegen. Der Lernerfolg steigt mit hoher Interaktivität, sofortiger Reaktionsmöglichkeit der Lerner und sofortige Reaktion auf ihre Aktionen.

Gen Yer verteilen ihre Aufmerksamkeit sehr effektiv. Das beweist z. B. das Sesam Straßen-Experiment, bei dem zwei Kontrollgruppen von 5-jährigne Kindern eine Sendung der Reihe „Sesam Straße“ präsentiert wurde. Gruppe A wurde in einen leeren Raum geführt, in dem die Sendung am TV lief. Gruppe B wurde in einen mit Spielzeug ausgestatteten Raum geführt, in dem ebenfalls ein Fernseher mit der Sendung lief. Die Kinder der Gruppe B stürzten sich erwartungsgemäß sofort auf die Spielsachen. Sie verwandten nur 46 % ihrer Aufmerksamkeit auf die TV-Sendung, während die Gruppe A annähernd 100 % ihrer Aufmerksamkeit darauf lenkte.

Beim anschließenden Test, wie viel die Kinder verstanden haben und an wie viele Inhalte der Sendung sie sich erinnern konnten, erzielten beide Gruppe das exakt gleiche Ergebnis. Die 5-jährigen der Gruppe B haben also ihre Aufmerksamkeit sehr effektiv zwischen Spielsachen und TV-Sendung aufgeteilt (Elisabeth Lorch in Malcolm Gladwell, The Tipping Point, 2000).

Neue Trainingskonzepte

In meinem Vorträgen und Seminaren kommt immer wieder die fast verzweifelte Frage auf: Wie kann ich als Gen Xer diese Generation Trainieren, Coachen und weiterentwickeln?

Ganz einfach: 10 Tipps für Trainer, Berater und Coaches

  1. Auch für digitale Zeiten gilt: Gute Vorbereitung ist Voraussetzung für Erfolg. Der erste Schritt einer Trainingskonzeption ist die tiefgehende Beschreibung der Ausgangslage (Ist-Analyse). Beschreiben Sie so genau, bis das bestehende Defizit, der Bedarf plötzlich vor Ihnen steht und starten Sie danach erst die die Zielsetzungsanalyse und Wirkungsanalyse (Soll-Analyse).
  2. Bevor die Entscheidung getroffen werden kann, welche Weiterbildungs-Maßnahme greift, benötigen wir die Zielgruppenanalyse. Betrachten Sie den Menschen ganzheitlich mit seinen Ängsten, Hoffnungen, Denkweisen und Glaubenssätzen. Bedenken Sie das „Anderssein“ der Y-Generation.
  3. Prüfen Sie: Welches Format erzeugt die Wirkungen am schnellsten? Training oder Coaching? Teambuilding oder Mentoring? Die Formatwahl richtet sich nach Vorwissen, Entwicklungszielen und Akzeptanz des Formats. Bedenken Sie, dass reines Faktenwissen heute durch Recherche aus dem Internet gezogen wird und die Yer dafür nicht in ein Seminar gehen.
  4. Wenn das Format Training gewählt wird, folgt nun die didaktisch/methodische Analyse

die schließlich zum Trainerleitfaden führt mit den Unterpunkten:

  • Inhalte
  • Reihenfolge/Dramaturgie
  • Sozialformen, Methoden, Übungen
  • Lernzielkontrolle und Transfersicherung
  • Skripte und Medien
  • Erfolgskontrolle, Evaluation

Bedenken Sie dabei die große Erlebnisorientierung der jungen Generationen und das Bedürfnis nach Unterhaltung, Leichtigkeit und Spaß beim Arbeiten und Lernen. Lange Aufmerksamkeitsspannen wurden bei Y-Lernern nachgewiesen, wenn Spiele und Übungen dabei waren, die auf deren Interessengebieten lagen.

  1. Wählen Sie für Yer eine höhere Geschwindigkeit. Verzichten Sie auf zu große Ausführlichkeit, sondern gehen Sie davon aus, dass Yer schneller ganzheitlich verstehen und selbst Bausteine hinzufügen können. Wenn ein Yer Sie unterbricht oder komisch schaut, werden Sie schneller statt langsamer.
  2. Reduzieren Sie die Menge des Trainerinputs und erhöhen Sie die Anteile von Interaktion, gemeinsamem Erarbeiten, Partner- und Gruppenarbeit. Aber bitte nicht im Schneckentempo oder mit Kindergartenaufgaben. Die Aufgabenstellungen müssen fordernd sein.  Bieten Sie neben traditionellen Inhalten auch Zukunftsinhalte.
  3. Nutzen Sie alles vorhandene Wissen. Lassen Sie mehr denn je (und mit neuen Methoden) die Teilnehmer voneinander Lernen.
  4. Wählen Sie unterschiedliche Gruppen und bestimmen Sie weniger als in früheren Trainings. Nutzen Sie die Liebe der Yer zu Netzwerkstrukturen und geben Sie viel Freiraum und Möglichkeit zur Selbstbestimmung.
  5. Bauen Sie viele Reflexionsphasen ein. Yer wollen selbst denken und einordnen und lernen dabei am besten. Bringen Sie durch Methodenwechsel mehr Dynamik in die Lern- und Übungssequenzen. Wechseln Sie häufiger die Sozialformen. Arbeiten Sie methodisch parallel anstatt step-by –step.
  6. Sprechen Sie die Sprache der Generation Y. Sie wissen ja, der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.

Fazit

Wir brauchen für die Zukunft ganz neue Formen, die sich viel stärker am konkreten Arbeitsalltag entlang bewegen und Wissen und Können „on demand“ produzieren. Theorie, standardisierte Trainings und Frontalunterricht werden weiter abnehmen und eine gute Begründung brauchen für ihren Einsatz. Das Training der Zukunft wird mehrere Disziplinen vereinen und viel mehr Reflexion und selbstbestimmtes Lernen beinhalten. Es wird verzahnt sein mit Selbststudium und Projektarbeit. Die Forderung nach der selbstlernenden Organisation und die Lerngewohnheiten der Yer bringen innovative Weiterbildner auf neue Ideen wie Aufbau von internen Akademien, die vorhandenes Wissen verteilen, Ausbildung von Führungskräften zu Trainern und Coaches und Verwendung von digitalen Hilfsmitteln gekoppelt an die Mittel der Unternehmensführung im Enterprise 2.0. Reine Face to Face-Trainings werden immer seltener, dafür steigt die Anzahl der Blended Solutions. Verzahnung von Präsenzlernen und eLearning sowie die Nutzung von Online-Plattformen und anderen digitalen Medien formen eine neue Lern-Welt: Lernen 3.0. Emotionen und Gefühle werden für den Lernprozess genutzt ebenso wie Körperintelligenz und zelluläres Lernen.

Nur eine Sache scheint gleich zu bleiben, etwas sehr Schönes: Es gibt neben vielen unterscheidenden Merkmalen einige verbindende Elemente zwischen allen Generationen: Wertschätzung, Respekt und Liebe. Sie sind der beste Garant für Lernerfolg – daran hat sich nichts geändert.

Über Christa Mesnaric:

Als erfolgreiche Unternehmerin trainiert, berät und coacht 5 Sterne Rednerin Christa Mesnaric seit über 20 Jahren Manager, Führungskräfte und Mitarbeiter namhafter Unternehmen im gesamten deutschsprachigen Raum und in China.

Sie hat Lehraufträge an mehreren Hochschulen und an der Technischen Universität in München. Christa Mesnaric ist Vizepräsidentin des BDVT (Berufsverband der Trainer, Berater und Coaches) und zweifache Preisträgerin des Internationalen Deutschen Trainingspreises in Gold (2008 und 2010).

Als gefragte Vortrags-Rednerin zum Thema Change Management und Führung bringt sie zusammen, was zusammen gehört: Umfangreiches Wissen und unterhaltsames Hinführen an eines der wichtigsten Themen unserer Zeit: Der Umgang mit akutem und stetigem Wandel in der Wirtschaft. Denn Nachhaltigkeit, Führung und ganzheitlicher Umgang mit Menschen und Ressourcen braucht die Wirtschaft heute.

Zum Thema „Die Digital Natives kommen! Von der Kunst des Mehrgenerationen-Erfolgs“ erscheint in Kürze ein App das unter dem Suchbegriff „Appinare“ im AppStore erhältlich ist.


  1 comment for “Neue Trainings braucht das Land!

  1. 28. November 2011 at 13:13

    Huch, da gehöre ich noch knapp zur Generation Y 🙂

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