Web 2.0: Fluch oder Segen für die Personalgewinnung?

Bisher war die Personalakquise von linearer Kommunikation des Unternehmens in Richtung Bewerber gekennzeichnet. Der Bewerber musste glauben, was Unternehmen in ihren Stellenanzeigen präsentieren. Ob die beworbenen flachen Hierarchien, das teamorientierte Arbeitsklima oder die guten Weiterentwicklungsmöglichkeiten tatsächlich vorhanden sind, haben Bewerber oft erst nach der Einstellung feststellen können. Unternehmen besaßen die Informationshoheit.

Social Media Netzwerke haben dies grundlegend verändert. Bewerber finden heute mit wenigen Mausklicks Mitarbeiter der Abteilung, für die sie sich gerade im Unternehmen bewerben. Ein paar E-Mails oder Anrufe genügen, um festzustellen, ob die Aussagen in der glänzenden Stellenanzeige wahr sind. Netzwerke wie XING, LinkedIn oder Facebook machen es möglich. Dort finden sich sogar Informationen über Altersstruktur, Zugehörigkeit oder die Fluktuationsquote des Unternehmens. Öffentlich abrufbar, von Unternehmen kaum noch steuerbar.

Bisher haben Führungskräfte oder Personalleiter ihre Mitarbeiter einseitig in Zeugnissen bewertet.

Neue Dienste im Internet ändern auch dieses Paradigma. Seit drei Jahren betreibt Kununu die erste Arbeitgeberbewertungsplattform. Ähnliche Angebote heißen checkyourjob oder evaliba.

Heute bewerten – vielleicht auch schon Ihre Mitarbeiter – das Unternehmen, die Firmenkultur oder ihre direkte Führungskraft. Das Besondere daran: Diese Bewertung ist öffentlich, jeder kann mitlesen. Was viele Unternehmer und Führungskräfte schockiert: Es ist nicht zu verhindern, die Bewertungen sind anonym.

Was, wenn Aussagen in der Stellenanzeige nicht zu den Bewertungen auf einer Arbeitgeberbewertungsplattform passen? Wohl dem, der dann gute Noten von seinen Mitarbeitern bekommen hat.

Über allem thront der sammelwütige Suchmaschinenkrake google, der alle Informationen zum Suchbegriff „die Stelle auf die ich mich gerade bewerben will“ auf einen Klick verfügbar macht. Das geht schneller als es manchem Personalleiter lieb ist.

Einer repräsentativen Nilsen Studie zur Folge, schenken über 70% der Verbraucher den Bewertungen anderer Käufer im Internet mehr Glauben, als den Aussagen des Anbieters selbst. Dieser Trend unterstützt die Glaubwürdigkeit von Aussagen auf Arbeitgeberbewertungen.

Social Media Netzwerke, wie Twitter, StudiVZ, Facebook, wer-kenn-wen, XING oder LinkedIn ermöglichen im global vernetzten Dorf virale Effekte in Lichtgeschwindigkeit. Die Antworten auf die Frage: „Wer behält im Gezwitscher der Informationen über Ihr Unternehmen die Kontrolle?“ gewinnen strategische Bedeutung.

Die Generation der sogenannten Digital Nativs stellt einem schnell größer werdenden Anteil der jungen Bewerber und Nachwuchsführungskräfte. Digital Natives sind mit der Kommunikation in digitalen Medien aufgewachsen und beziehen ihre Information überwiegend aus diesen Netzwerken. Die meisten, der heutigen Personalleiter und Unternehmer stammen dagegen noch aus der Generation der Baby Boomer. Sie tun sich häufig schwer, diese neuen Paradigmen zu verstehen.

Stellenanzeigen in Printmedien gelten beispielsweise in den Augen der Digital Natives als langweilig und wenig aussagekräftig. Zusätzlich sind sie einfach zu langsam.

Als ob dieser Paradigmenwechsel nicht schon genügend Kopfschmerzen bereiten würde, sitzen viele Unternehmen auf einer Zeitbombe, deren Zünder nicht mehr zu stoppen ist.

Mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks lässt sich jetzt schon berechnen, was ab 2015 passiert: Eine große Anzahl der Generation Baby Boomer entschwindet ins Rentenalter und reißt eine gewaltige Lücke in den Arbeitsmarkt. Die zweite Welle folgt 2020. Da die Anzahl der Menschen und Paare im gebärfähigen Alter für die nächsten 50 Jahre bekannt ist steht fest: Es können gar nicht so viele Kinder geboren werden, das diese Lücken in den nächsten 50 Jahren geschlossen werden können.

Erste Warnsignale sind heute schon zu spüren. Im August 2010 titelten die Medien: „Mittelstand findet kaum noch geeignetes Personal. Die Sendung WDR aktuell berichtete, dass Unternehmen sogar schon Lehrlingen einen kostenfreien Dienstwagen zu Verfügung stellen.

Wohl denjenigen Unternehmern, die sich frühzeitig darauf einstellen.

Zum Autor:

Andre Schneider ist Business Coach und Umsatzexperte. Er berät Unternehmen zu Fragen des modernen Personalmarketings und arbeitet als Trainer für Akquise, Kommunikation und Führung. http://www.ccs24.de/

  1 comment for “Web 2.0: Fluch oder Segen für die Personalgewinnung?

  1. 20. Dezember 2011 at 14:36

    Bei bestimmten Zielgruppen mag Facebook als Teil eines gesamten Recruiting-Mix je nach Kandidaten-Zielgrupppen durchaus seine Berechtigung haben. Gut möglich oder unseres Erachtens wahrscheinlicher ist es aber, dass sich auf Dauer spezialisierte Netzwerke mit bestimmten Themenprofilen und Zielgruppenausrichtungen herausbilden werden – also auch im Bereich des Human Resource Managements und Recruitings. Aufwand und Kosten für ein professionelles Konzept einer Recruiting-Strategie und den Aufritt und die Pflege einer Präsenz sind erheblich und dürften einer Kosten-Nutzen-Analyse oft wohl kaum standhalten und in keinem Verhältnis zur Qualität und Quantität von Bewerbungen stehen.

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