Iran-Krieg heizt Energiepreise an: Investoren suchen Absicherung

Der Iran-Krieg treibt die Energiepreise nach oben und zwingt Investoren weltweit, ihre Strategien angesichts steigender Öl- und Gaspreise neu zu überdenken. Welche Szenarien drohen für Energiepreise, Märkte und Investoren, wenn der Konflikt anhält oder weiter eskaliert?
Iran-Krieg heizt Energiepreise an: Investoren suchen Absicherung

Energieschock zwingt Investoren zu neuen Schutzstrategien

Der Konflikt im Nahen Osten hat die Energiepreise deutlich steigen lassen und die Finanzmärkte in eine Phase erhöhter Unsicherheit geführt. Anleger stehen zunehmend vor der Frage, wie sie ihre Portfolios gegen mögliche Ölpreise von über 100 Dollar pro Barrel und eine neue Inflationswelle absichern können.

Die neue Lage deutet darauf hin, dass sich die Märkte nicht kurzfristig beruhigen werden. Viele Investoren stellen sich deshalb auf eine längere Phase erhöhter Volatilität ein, in der geopolitische Risiken und Energiepreise eine zentrale Rolle spielen. Innerhalb von fünf Tagen ist der Preis für Brent-Rohöl um rund 13 Prozent gestiegen. US-Rohöl der Sorte WTI verteuerte sich im selben Zeitraum um etwa 16 Prozent. Seit den US-Angriffen auf Ziele im Iran legte zudem der europäische Gaspreis um rund 45 Prozent zu.

Finanzmärkte reagieren sensibel auf den Iran-Konflikt

Nach Einschätzung von Mikk Taras, Portfoliomanager beim Finanzhaus LHV, reagierten die Märkte zunächst mit Kursverlusten in nahezu allen Anlageklassen. Selbst klassische Krisenwerte wie Gold und Silber gaben in den ersten Tagen des Konflikts überraschend nach.

„Der gleichzeitige Rückgang von Aktien und Edelmetallen zeigt deutlich, dass es so etwas wie eine kugelsichere Investition nicht gibt“, sagte Taras. Die Entwicklung verdeutliche, dass geopolitische Schocks kurzfristig fast alle Anlageklassen erfassen können.

Im Unterschied zu früheren Krisen könnte die aktuelle Konfrontation die Energiepreise länger auf einem hohen Niveau halten. Zu Jahresbeginn lag der Ölpreis noch bei etwa 60 Dollar pro Barrel, inzwischen hat er innerhalb weniger Monate deutlich zugelegt.

Stabilisierung trotz strategischer Risiken

Nach Einschätzung von Rait Kondor, Investmentstratege beim INVL Family Office, hatten viele Marktteilnehmer zunächst mit einem deutlich stärkeren Preissprung gerechnet. Der Brentpreis hat sich jedoch vorerst im Bereich von 80 bis 85 Dollar pro Barrel stabilisiert. „Angesichts der Tatsache, dass durch die Straße von Hormus etwa 20 Prozent der weltweiten Ölproduktion transportiert werden, hatten viele eine stärkere Bewegung erwartet“, erklärte Kondor. Die strategische Bedeutung dieser Passage macht sie zu einem der sensibelsten Punkte des globalen Energiemarktes.

Auch Rain Leesi, Leiter der Investments beim Vermögensverwalter Avaron, ordnet den jüngsten Gaspreisanstieg historisch ein. Im Vergleich zu den extremen Preisspitzen während der Pandemie und zu Beginn des Ukrainekrieges liege das aktuelle Niveau weiterhin darunter. „Wenn man einen längeren Zeitraum betrachtet, ist der aktuelle Gaspreisanstieg zwar bedeutend, bleibt aber im Vergleich zu den Preisniveaus während der COVID-Pandemie und zu Beginn des Ukrainekrieges moderat“, sagte Leesi.

Drei Szenarien für Energiepreise und Börsen

Das erste und optimistischste Szenario geht von einem relativ kurzen Konflikt aus. In diesem Fall könnte sich die Lage innerhalb weniger Wochen stabilisieren und der Ölpreis könnte im Bereich zwischen 80 und 90 Dollar pro Barrel bleiben. Die Entwicklung an den US-Börsen deutet bislang darauf hin, dass viele Investoren genau dieses Szenario erwarten. Der Rückgang des S&P 500 um weniger als ein Prozent wird als Zeichen gewertet, dass die Märkte weiterhin von einem begrenzten Konflikt ausgehen.

Nach Angaben von Rain Leesi liegt der Preis für Brent-Rohöl laut einjährigen Futures derzeit bei etwa 69 Dollar pro Barrel. Das entspricht einem Anstieg von rund 4,2 Prozent seit Beginn der Angriffe. Der europäische Referenzpreis für Erdgas am Handelsplatz TTF liegt derzeit bei etwa 31,8 Euro und damit rund 17 Prozent höher. „Das zeigt, dass Investoren den Konflikt im Iran derzeit als kurzfristiges Risiko einschätzen“, sagte Leesi. Viele Marktteilnehmer rechnen daher damit, dass sich die Lage innerhalb einiger Wochen wieder beruhigen könnte.

Risiko eines dauerhaften Ölpreisschocks

Ein zweites Szenario geht davon aus, dass sich der Konflikt über mehrere Monate hinzieht. In diesem Fall könnte der Ölpreis dauerhaft über die Marke von 100 Dollar pro Barrel steigen und damit deutlich über dem bisherigen Durchschnittsniveau liegen. Ein solcher Preisanstieg würde sich rasch auf die Weltwirtschaft übertragen. Analysten erwarten, dass die Inflation in Europa um mehr als zwei Prozentpunkte steigen könnte und mehrere Volkswirtschaften in eine Rezession geraten.

Strategen von Bloomberg Intelligence weisen darauf hin, dass ein Ölpreis von über 100 Dollar pro Barrel historisch häufig mit schwächeren Aktienmärkten verbunden war. Im Durchschnitt ging ein solches Preisniveau mit einem jährlichen Rückgang des S&P 500 von etwa 1,6 Prozent einher.

Gefahr durch eine Blockade der Straße von Hormus

Das dritte und riskanteste Szenario wäre eine längere Blockade der Straße von Hormus. Über diese strategisch wichtige Route wird etwa ein Fünftel der weltweiten Öl- und Gaslieferungen transportiert. Sollte Iran den Schiffsverkehr dort über mehrere Wochen unterbrechen, könnte der Ölpreis deutlich über 120 Dollar pro Barrel steigen. Eine solche Entwicklung würde den Druck auf Energiepreise, Inflation und Wirtschaftswachstum erheblich erhöhen.

Bloomberg-Strategen verweisen auf historische Beispiele. Das arabische Ölembargo von 1973 führte zu einer stagflationären Wirtschaftskrise, in deren Verlauf der S&P 500 innerhalb eines Jahres um 29 Prozent fiel. Während der iranischen Revolution im Jahr 1979 entwickelte sich die Lage anders. Trotz einer Rezession im Jahr 1980 stieg der S&P 500 innerhalb eines Jahres um 11,3 Prozent.

Die Bedeutung der 100-Dollar-Marke

„Die Situation ist unübersichtlich und solange iranische Gegenangriffe anhalten, dürfte der Ölpreis über dem bisherigen Niveau bleiben“, sagte Kondor. Der Konflikt erhöhe damit dauerhaft die Unsicherheit auf den Energiemärkten. Leesi weist darauf hin, dass bereits ein Ausfall von rund 20 Prozent des globalen Energieangebots dramatische Folgen für die Preisentwicklung hätte. Schon kurzfristige Störungen könnten zu deutlichen Preissprüngen führen.

Viele Analysten sehen die Marke von 100 Dollar pro Barrel als entscheidende Schwelle. Ab diesem Niveau werden hohe Energiepreise zunehmend zu einer Belastung für Aktienmärkte und wirtschaftliches Wachstum. Während die US-Wirtschaft Energiepreisschocks relativ gut verkraften kann, erwarten Experten, dass die Konsumausgaben erst bei Preisen zwischen 120 und 130 Dollar deutlich zurückgehen würden.

Gewinner und Verlierer steigender Energiepreise

Von steigenden Energiepreisen profitieren laut Kondor vor allem europäische Ölproduzenten, Raffinerien und Erdgasförderer. Besonders gut positioniert sei der norwegische Energiekonzern Equinor. Das Unternehmen liefert rund 73 Prozent der 109 Milliarden Kubikmeter Gas, die Norwegen nach Europa exportiert. Insgesamt deckt Norwegen etwa 31 Prozent des europäischen Gasbedarfs und spielt damit eine zentrale Rolle für die Versorgung des Kontinents.

Die USA folgen mit einem Anteil von etwa 25 Prozent. Auf der Verliererseite stehen dagegen Branchen wie Einzelhandel und Transport, deren Margen durch steigende Treibstoffkosten zunehmend unter Druck geraten. Auch nordische Gasproduzenten zählen laut Leesi zu den Gewinnern der aktuellen Entwicklung. Die Aktien von Equinor und Var Energy sind seit Beginn der Angriffe um etwa sieben bis acht Prozent gestiegen.

Industrie in Europa gerät unter Druck

Auch US-Exporteure von Flüssigerdgas profitieren von der aktuellen Entwicklung. Höhere europäische Gaspreise und mögliche Lieferprobleme aus Katar stärken ihre Marktposition auf dem globalen Energiemarkt. Zugleich haben die Aktien des spanischen Energiekonzerns Repsol und des italienischen Unternehmens Eni deutlich zugelegt. Beide Unternehmen erhielten zuletzt die Genehmigung, wieder Öl aus Venezuela zu importieren.

Zu den Profiteuren zählen nach Einschätzung von Kondor außerdem der US-Energiekonzern Chevron sowie der Raffineriebetreiber Valero Energy. In Europa geraten vor allem energieintensive Industrien unter Druck. Besonders betroffen sind gasintensive Chemiekonzerne wie BASF und Covestro in Deutschland, deren Produktionskosten stark von den Energiepreisen abhängen.

Strategien für Investoren in unsicheren Zeiten

Da der europäische Strompreis stark vom Gaspreis beeinflusst wird, könnten indirekt auch Stromerzeuger profitieren, deren Produktion nicht auf Gas basiert. Dazu zählen insbesondere Betreiber von Kernkraftwerken sowie Unternehmen im Bereich erneuerbarer Energien.

Taras sieht darin eine wichtige geopolitische Lehre für Europa. Der Konflikt mache deutlich, dass sowohl der Energiesektor als auch die Verteidigungsindustrie und andere strategische Branchen zusätzliche Investitionen benötigen.

Analysten raten Investoren deshalb, ihre Portfolios kritisch zu überprüfen und auf eine breite Diversifikation zu achten. Besonders wichtig sei eine ausgewogene Auswahl von Energieunternehmen als Absicherung gegen steigende Energiepreise. „In Phasen stark steigender Energiepreise bietet an den Börsen nur ein gut diversifizierter Korb von Energieaktien einen gewissen Schutz“, sagte Taras.

Energiepreise werden für Deutschland zum wirtschaftlichen Risiko

Nach Einschätzung von Rain Leesi besteht das größte Risiko darin, dass sich der Konflikt im Iran länger hinzieht als erwartet. In diesem Fall könnten die Energiepreise deutlich weiter steigen und das Wachstum in Europa spürbar bremsen. Zugleich würde der Inflationsdruck zunehmen, was möglicherweise neue Zinsschritte der Zentralbanken erforderlich machen könnte. Energiepreise bleiben damit ein zentraler Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung in Europa.

Langfristig könnte sich die Situation jedoch auch wieder entspannen. Iran verfügt über rund zwölf Prozent der weltweiten Ölreserven. Sollten Sanktionen gelockert und Investitionen wieder aufgenommen werden, könnte das globale Angebot steigen. Für Deutschland bleibt die Entwicklung besonders relevant. Die energieintensive Industrie reagiert empfindlich auf steigende Gas und Strompreise. Gleichzeitig dürfte der Konflikt die Diskussion über Energiesicherheit, Infrastrukturinvestitionen und den Ausbau alternativer Energiequellen weiter beschleunigen.

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