Produktion unter Druck: Warum Deutschland die Verlagerung nach Osteuropa bereut

Die Verlagerung der Produktion nach Osteuropa galt lange als bewährte Strategie deutscher Industrieunternehmen, um Kosten zu senken und Lieferketten zu stabilisieren. Schwindet dieser Standortvorteil nun durch steigende Kosten und wachsende Konkurrenz aus Asien?
Produktion unter Druck: Warum Deutschland die Verlagerung nach Osteuropa bereut

Warum deutsche Unternehmen die Produktion nach Osteuropa überdenken

Die Verlagerung von Produktionsstandorten nach Mittel- und Osteuropa galt lange als logischer Schritt, um Kosten zu senken und Lieferketten zu verkürzen. Doch neue Analysen zeigen, dass dieser Ansatz zunehmend an Grenzen stößt und asiatische Standorte durch Automatisierung wieder an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen.

Die Verlagerung der Produktion in nahe gelegene Länder Mittel- und Osteuropas war für viele deutsche Unternehmen im vergangenen Jahrzehnt eine naheliegende Entscheidung. Niedrigere Kosten, geografische Nähe und kürzere Lieferzeiten machten diese Strategie attraktiv, berichtet das Wirtschaftsmagazin „Wirtschaftswoche“.

Eine aktuelle Studie der Strategieberatung Strategy&, die zum PwC-Netzwerk gehört, kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis. Die Phase einfacher Produktionsverlagerungen ohne grundlegende Anpassung des Geschäftsmodells geht demnach zu Ende.

Kostenvorteil der Region schwindet

Das zentrale Argument für Nearshoring, der Kostenvorteil bei der Arbeit, verliert zunehmend an Bedeutung. Laut der Studie steigen die Lohnkosten in Mittel- und Osteuropa, zu denen auch Slowenien zählt, 3,5 Mal schneller als die Produktivität.

Die erhofften Einsparungen bleiben daher häufig aus. Unternehmen stellen fest, dass sich der finanzielle Vorteil einer Produktionsverlagerung deutlich schneller verringert als ursprünglich erwartet. Gleichzeitig treten weitere strukturelle Probleme zutage. Der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften ist in vielen Ländern der Region teilweise noch stärker ausgeprägt als in Deutschland.

Hinzu kommt, dass der Automatisierungsgrad vieler Fabriken niedriger ist. Zudem haben sich die Energiepreise in den vergangenen fünf Jahren nahezu verdreifacht, was die Wettbewerbsfähigkeit der Standorte zusätzlich belastet.

Asien setzt stärker auf Automatisierung

Viele asiatische Länder von China bis Malaysia gewinnen dadurch wieder an Attraktivität. Ein entscheidender Faktor sind die deutlich niedrigeren Energiepreise im Vergleich zu Europa. Europäische Hersteller stehen bereits seit Jahren unter wachsendem Wettbewerbsdruck. Mehr als ein Viertel der Unternehmen erwartet eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Fast 80 Prozent geben zudem an, dass geopolitische Spannungen und wirtschaftliche Unsicherheiten verlässliche Prognosen über die künftige Entwicklung erschweren. Auch die Rolle Chinas hat sich verändert. Während deutsche Manager früher vor allem die niedrigen Lohnkosten als zentralen Wettbewerbsvorteil sahen, hat sich dieses Bild inzwischen verschoben.

Produktivität entscheidet über Wettbewerbsfähigkeit

Die Lohnkosten in vielen asiatischen Ländern sind in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen und haben sich europäischen Niveaus teilweise angenähert. Der entscheidende Unterschied liegt heute vor allem in der Produktivität.

Diese resultiert aus einer schnellen Automatisierung, dem breiten Einsatz von Industrierobotern und der raschen Einführung neuer Technologien in der Fertigung. Die Dynamik der chinesischen Industrie, oft als „China Speed“ bezeichnet, hat damit einen Teil des Vorteils aufgehoben, den Europa durch geografische Nähe und kürzere Markteinführungszeiten hatte.

Strategische Leitbilder, an denen sich Unternehmen lange orientierten, verlieren dadurch an Gültigkeit. Die Annahme, dass räumliche Nähe automatisch Geschwindigkeit bedeutet, Asien niedrige Kosten garantiert und heimische Produktion automatisch höhere Qualität liefert, gilt laut Studie nicht mehr.

Unternehmen müssen ihre Wertschöpfung neu ordnen

Trotz dieser Veränderungen treffen viele Unternehmen weiterhin vorsichtige Entscheidungen. Produktionsfunktionen werden schrittweise verlagert, Standortentscheidungen erfolgen Land für Land. Nach Einschätzung der Studienautoren begrenzt ein solcher Ansatz ohne umfassende Analyse der gesamten Wertschöpfungskette jedoch das Entwicklungspotenzial vieler Unternehmen.

Hinzu kommen strukturelle Belastungen für die europäische Industrie. Hohe Energie- und Arbeitskosten schwächen die Wettbewerbsfähigkeit, während sich Investitionsströme zunehmend außerhalb Europas verlagern. Gleichzeitig verstärken asiatische Überkapazitäten den Exportdruck auf europäische Hersteller. Parallel verändern Fortschritte bei künstlicher Intelligenz und Robotik die Kostenstruktur der industriellen Produktion.

Hybridmodelle gewinnen an Bedeutung

Für Unternehmensleitungen stellt sich daher eine neue strategische Frage. Entscheidend ist nicht mehr allein, wo Produktion am günstigsten ist, sondern wie eine optimale Struktur der gesamten Wertschöpfungskette gestaltet werden kann. Diese soll sowohl Effizienz steigern als auch Wachstum ermöglichen, erklärt Studienautor Michael Weiss.

Die Antwort liegt laut Studie weder in einer vollständigen Verlagerung der Produktion nach Asien noch im Festhalten an bestehenden Strukturen in Mittel- und Osteuropa. Stattdessen setzen immer mehr Unternehmen auf hybride Modelle. Sie kombinieren Nearshoring, interne Umstrukturierungen, selektives Offshoring und verstärkte Investitionen in Automatisierung.

Deutsche Industrie steht vor strategischer Neuordnung

Für Deutschland als exportorientierte Industrienation hat diese Entwicklung erhebliche Bedeutung. Viele deutsche Unternehmen stehen vor der Aufgabe, ihre internationalen Produktionsnetzwerke grundlegend neu zu organisieren.

Die künftige Struktur der Industrie könnte stärker von flexiblen Produktionsmodellen geprägt sein. Automatisierte Werke in Deutschland, spezialisierte Standorte in Osteuropa und hochproduktive Fabriken in Asien könnten enger miteinander verzahnt werden.

Entscheidend wird sein, ob es deutschen Unternehmen gelingt, ihre Wertschöpfungsketten technologisch und strategisch neu auszurichten. Nur so lässt sich die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie im globalen Wettbewerb langfristig sichern.

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