Phänomen Zeitarmut: Wenn Arbeit die Lebenszeit auffrisst und krank macht
In schöner Regelmäßigkeit ereilt die Beschäftigten von Politik und Arbeitgebern der Ruf, dass sie mehr arbeiten müssten. Zuletzt hat Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) diese Forderung in seiner Grundsatzrede bei der Bertelsmann-Stiftung erhoben. Gegen Kritik sprang ihm Gitta Connemann (CDU), Vorsitzende der Mittelstandsvereinigung, umgehend bei, und sprach davon, dass es eben „keinen leistungslosen Wohlstand“ gäbe. Hinter solchen Floskeln verbirgt sich letztlich das Ziel, das Arbeitszeitgesetz zu schleifen und den 8-Stunden-Tag rückabzuwickeln.
Doch viele Beschäftigte erleben tagtäglich, dass der Tag nicht genug Stunden bietet, um alle Aufgaben zu bewältigen: Man hetzt von Aufgabe zu Aufgabe und kommt kaum zur Ruhe – weil „keine Zeit“ dafür ist. Das Phänomen, als Zeitarmut bekannt, ist laut Experten unter der arbeiteten Gesellschaft weit verbreitet. Psychologen sprechen von „Zeitarmut“, wenn Menschen dauerhaft nicht genug Zeit für Erholung, Familie oder Selbstbestimmung haben.
Studien beleuchten Zeitarmut am Arbeitsplatz
Immer mehr Menschen spüren, dass ihnen die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt – ein Gefühl chronischer Zeitarmut bestimmt ihren Alltag. Das zeigen die Daten des US-Unternehmens Wondr Health sowie eine Analyse des Journals für politische Bildung. Beide beschreiben das gleiche Phänomen – und fordern ein Umdenken. Dr. Tim Church von Wondr Health sagt laut Newsweek: „Niemand ist härter zu uns als wir selbst – und das führt zu Zeitarmut.“
In den USA verzichten 62 Prozent der Beschäftigten auf ihren Urlaub – aus Angst, im Job benachteiligt zu werden. Die Mitarbeiter bewerten freie Tage zur psychischen Gesundheit zwar als beste Ressource zur Bewältigung von Stress und Angstzuständen, doch fast zwei Drittel verzichten auf Urlaubstage, ein Drittel sogar auf den Jahresurlaub. „Die häufigsten Gründe für die Nichtinanspruchnahme von Urlaub sind unter anderem innerer Druck, hohe Arbeitsbelastung und die Unternehmenskultur. Zeitmangel ist ein wesentlicher Faktor für Burnout und eine insgesamt verminderte Gesundheit sowie Lebens- und Arbeitszufriedenheit“, so Studienleiter Dr. Tim Church, Chief Medical Officer von Wondr Health.
Zeitarmut in Deutschland: Wenig Geld, wenig Zeit
Auch in Deutschland schlägt sich die Zeitknappheit auf Grund von Mehrbelastungen zunehmend auf Gesundheit, Familienleben und soziale Teilhabe nieder. Doch bisher bleibt die gesellschaftliche Verteilung von Zeit hierzulande weitgehend unbeachtet – obwohl sie sich massiv auf Lebensqualität und Gesundheit auswirkt.
Dabei spielen die struktuellen Unterschiede eine entscheidende Rolle: Job, Verdienst und Wohnort beeinflussen das „vorhandene“ Zeitbudget erheblich. So arbeiten viele Beschäftigte in Ostdeutschland im Schnitt länger und haben weniger Urlaub als ihre westdeutschen Kollegen – auf Grund der geringere Tarifbindung. Nur wer sich es leisten kann, kann den Zeitmangel kompensieren. Einige kaufen sich Zeit mit Geld. Wer es sich leisten kann, bucht Haushaltshilfen, bestellt Essen oder delegiert Steuererklärungen. Doch wer wenig verdient, muss alles selbst erledigen. Das kostet Lebenszeit – und Lebensjahre.
Zeitarmut betrifft alle – und wird oft übersehen
Die Folgen von Zeitarmut sind bekannt: weniger Produktivität, mehr Krankheitstage, höhere Kündigungsraten. Experten sehen darin einen dringenden Handlungsbedarf – auch aus unternehmerischer Sicht. „Wenn Beschäftigte ausgelaugt sind, verlieren Unternehmen ihre besten Leute“, so Dr. Church. Wer keine Zeit hat, kann auch kein gesundes Leben führen – weder in den USA noch in Deutschland. Zeitarmut ist kein individuelles Problem, sondern eine Frage von Geschlecht, Einkommen, Region – und politischem Willen. Es ist Zeit, auch Zeit gerecht zu verteilen.
Noch spielt in Deutschland „Zeitpolitk“ keine Rolle. Materielle Verteilungs- und Gerechtigkeitsfragen dominieren die politische Debatte – und nicht, wie unterschiedlich die Ressource Zeit in unserer Gesellschaft verteilt ist. Dabei braucht es eine neue Arbeitskultur, statt Dauerstress und Mehrarbeit.
Zeitmanagement: 5 Strategien gegen Zeitarmut
Wer dauerhaft unter Zeitdruck steht, setzt seinen Körper Stress aus. Die Folgen: erhöhte Cortisolwerte (Stresshormon), Bluthochdruck sowie Herz- und Kreislauferkrankungen. Hinzu kommen ungesunde Ernährungsgewohnheiten und ein erhöhtes Risiko für Übergewicht. Auch psychische Erkrankungen wie Burnout, Depressionen oder Angststörungen drohen. Grenzen Sie stattdessen frühzeitig chronischen Zeitdruck in ihrem Alltag ein.
Fünf „Erste-Hilfe-Strategien“ für Arbeitnehmer und Arbeitgeber:
1. Nein sagen lernen
Nicht jede Verpflichtung verdient ein Ja. Wer bewusst Nein sagt, schafft Raum für die wirklich wichtigen Dinge. Wer sagt, er habe keine Zeit, macht sich nicht unbedingt beliebter. Besser sei es, nach mehr Zeit zu fragen, klarzumachen, dass äußere Umstände das Nein erzwingen – oder lieber gar keine Begründung zu geben, als nur „Dafür habe ich keine Zeit“ zu sagen.
2. Eine Zeit-Analyse machen
Wer eine Woche lang festhält, wofür er seine Zeit aufwendet, erkennt Einsparpotenzial. Für Arbeitnehmer oder Arbeitgeber könnte das bedeuten: Wie viel Zeit fließt täglich in Angebotserstellung, wie viel in Telefonate, wie viel in Fahrten zwischen Baustellen? Arbeiten Sie mit 30-Minuten-Abschnitten und gehen Sie nicht zu sehr ins Detail. Schon kleine Veränderungen können Zeit freischaufeln – etwa das Abendessen vorkochen oder im Betrieb Angebote mit Vorlagen erstellen statt von Grund auf neu schreiben.
3. Aufgaben delegieren oder auslagern
Ob Haushalt, Einkäufe oder kleine Alltagsaufgaben: Wer sie mit anderen teilt oder auslagert – etwa durch einen Saugroboter oder einen Lebensmittellieferservice, kauft sich damit Zeit. Diese lässt sich dann bewusst für Erholung oder wichtige Projekte nutzen.
Das gleiche Prinzip gilt im Betrieb: Materialbestellungen an einen Mitarbeiter übergeben, die Buchhaltung an ein Steuerbüro auslagern oder eine Bürokraft für die Terminplanung einsetzen. Auch digitale Tools für Auftragsplanung und Rechnungsstellung können Zeit freischaufeln.
4. „Was-habe-ich-geschafft“-Liste führen
Diese umgekehrte To-do-Liste funktioniert so: Am Ende des Tages schreibt man auf, was man erledigt hat. Das fördert das Gefühl von Produktivität und Zufriedenheit. Fünf Minuten reichen dafür aus. Wer alles schwarz auf weiß sieht, gewinnt Selbstbewusstsein – auch weil sich oft zeigt: Man setzt seine Zeit eigentlich ziemlich gut ein.
5. Zeitblöcke einplanen
Aufgaben und Freizeit klar voneinander abzugrenzen hilft gegen Überforderung und Ablenkung. Blocken Sie sich feste Zeiten für Arbeit, E-Mails und Erholung im Kalender. Wenn Sie nach der Arbeit nicht entspannen können, weil noch E-Mails offen sind, blocken Sie jeden Tag 15 Minuten am Abend nur für Mails. Danach sollte man E-Mail-Benachrichtigungen ausschalten oder den Ruhe-Modus am Smartphone einschalten.
