Economic Briefs – Creditreform Rating: Fiskalimpulse treiben Deutschlands Erholung

  • Die deutsche Wirtschaft wächst wieder, die Erholung stützt sich jedoch weiterhin auf wenige Wachstumstreiber
  • Exporte und öffentliche Ausgaben stützen die Konjunktur, während private Nachfrage und Investitionen schwach bleiben
  • Creditreform Rating erwartet 0,9 Prozent Wachstum 2026 und 1,1 Prozent 2027 – entscheidend bleibt, ob fiskalische Impulse private Investitionen mobilisieren
  • Steigende Energiepreise, restriktive Finanzierungsbedingungen und niedrige Rheinpegel erhöhen kurzfristig die Risiken für Wachstum, Transport und Lieferketten

Blick auf Deutschland: Erholung auf wenigen Pfeilern

Die deutsche Wirtschaft hat die Stagnation hinter sich gelassen, eine breit getragene Erholung zeichnet sich jedoch noch nicht ab. Nach einem Zuwachs von 0,4 Prozent im ersten Quartal stieg das reale Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal 2026 um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Im Jahresvergleich beschleunigte sich das Wachstum auf 0,9 Prozent. Gestützt wurde die Entwicklung vor allem von stärkeren Exporten und einer zunehmend expansiven Fiskalpolitik. Die private Binnennachfrage blieb dagegen verhalten. Insbesondere der Konsum der Haushalte und die Investitionen der Unternehmen lieferten bislang keinen breiten Wachstumsimpuls.

„Die aktuellen Wachstumszahlen vermitteln auf den ersten Blick ein positives Bild. In vielen Volkswirtschaften bleibt die Erholung jedoch fragil, weil sie noch nicht von einer breiten Dynamik der Privatwirtschaft getragen wird. Für Deutschland ist nun entscheidend, ob die Impulse aus Verteidigungs- und Infrastrukturinvestitionen auch private Investitionen und den Konsum nachhaltig beleben“, sagt Dr. Benjamin Mohr, Mitglied der Geschäftsleitung von Creditreform Rating

Industrie: Aufträge besser, Produktion weiter schwach

Das verarbeitende Gewerbe zeigte im zweiten Quartal erste Stabilisierungssignale. Der Einkaufsmanagerindex lag im Juni knapp im Expansionsbereich, und auch die Auftragseingänge verbesserten sich. Die Zuwächse konzentrierten sich jedoch auf wenige Bereiche, insbesondere auf verteidigungsbezogene Großaufträge für Fahrzeuge, Schiffe und Flugzeuge. Die Industrieproduktion bestätigte die bessere Auftragslage noch nicht: Sie sank im zweiten Quartal und lag deutlich unter dem Niveau von 2021. Auch die Kapazitätsauslastung blieb klar unter ihrem langfristigen Durchschnitt.

Öffentliche Ausgaben stützen, der Privatsektor bleibt zurück

Angesichts der schwachen privaten Nachfrage gewinnen öffentliche Ausgaben weiter an Bedeutung. Die Verteidigungsausgaben werden 2026 nach NATO-Definition auf 124,7 Milliarden Euro oder 2,7 Prozent des BIP geschätzt. Nach Berechnungen der Bundesbank könnten zusätzliche Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben das Wachstum bis 2028 kumuliert um 1,3 Prozentpunkte erhöhen. Im Tiefbau ist der Effekt bereits sichtbar: Die Umsätze lagen im Mai rund 21 Prozent über dem Niveau von 2021. Der Wohnungsbau blieb dagegen rund 28 Prozent darunter. Gleichzeitig verschärften Banken ihre Kreditstandards, die Investitionstätigkeit ging erneut zurück und die Nachfrage nach Wohnungsbaukrediten sank erstmals seit 2023.

Ausblick bleibt verhalten

Creditreform Rating erwartet für Deutschland ein Wirtschaftswachstum von 0,9 Prozent im Jahr 2026 und 1,1 Prozent im Jahr 2027. Die fiskalische Expansion dürfte die Konjunktur weiter stützen. Für den mittelfristigen Ausblick bleibt jedoch entscheidend, ob höhere öffentliche Ausgaben auch private Investitionen und den Konsum anstoßen. Zu den kurzfristigen Abwärtsrisiken zählen erneut steigende Energiepreise, restriktive Finanzierungsbedingungen und außergewöhnlich niedrige Wasserstände des Rheins, die Transportkosten erhöhen und industrielle Lieferketten beeinträchtigen könnten.

Das deutsche Muster fügt sich damit in ein breiteres internationales Bild: Auch in anderen großen Volkswirtschaften zeigt sich das Wachstum robust, ruht jedoch zunehmend auf wenigen Wachstumstreibern.

Euroraum: Öffentliche Investitionen tragen die Erholung

Die Wirtschaft des Euroraums wuchs im zweiten Quartal 2026 um 0,4 Prozent und damit stärker als erwartet. Die Erholung bleibt jedoch zwischen den Mitgliedstaaten uneinheitlich. Verfügbare Indikatoren deuten darauf hin, dass öffentliche Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur sowie der Wiederaufbau von Lagerbeständen wichtige Wachstumsimpulse lieferten, während privater Konsum, Wohnungsbau und Kreditnachfrage der Haushalte schwach blieben. Creditreform Rating erwartet für den Euroraum ein BIP-Wachstum von 0,9 Prozent im Jahr 2026 und 1,4 Prozent im Jahr 2027. Die EZB dürfte vorsichtig bleiben, bis deutlicher erkennbar ist, dass energiebedingter Preisdruck nicht auf die breitere inländische Inflation übergreift.

Vereinigtes Königreich: Energieschock begrenzt den Zinsspielraum

Nach einem soliden Jahresauftakt verlor die britische Wirtschaft im zweiten Quartal an Schwung. Ein importierter Energieschock verschärfte die Inflationsrisiken, während sich Binnennachfrage und Arbeitsmarkt abschwächten. Anhaltend hohe Dienstleistungsinflation und das Risiko von Zweitrundeneffekten begrenzen den Spielraum für weitere Zinssenkungen der Bank of England. Für 2026 erwartet Creditreform Rating ein Wachstum von 1,0 Prozent und für 2027 von 1,2 Prozent.

USA: KI-Investitionen werden zum zentralen Wachstumstreiber

Die US-Wirtschaft expandierte im zweiten Quartal weiter, das Wachstum verlangsamte sich jedoch. Die Dynamik konzentrierte sich zunehmend auf KI-bezogene Investitionen und wenige Dienstleistungsbranchen, während hohe Finanzierungskosten die breitere Investitionstätigkeit und die Nachfrage der Haushalte belasteten. Für 2026 wird ein US-Wachstum von 2,3 Prozent erwartet. Die Federal Reserve dürfte wegen des erhöhten Inflationsdrucks an ihrem vorsichtigen, datenabhängigen Kurs festhalten.

China: Exportstärke verdeckt die schwache Binnennachfrage

Chinas Wirtschaft verlor im zweiten Quartal 2026 an Dynamik. Exporte, technologieorientierte Produktion und industriepolitische Maßnahmen blieben die wichtigsten Stützen, während Einzelhandel, Verbrauchervertrauen und Immobilieninvestitionen schwach blieben. Für 2026 wird ein Wachstum von 4,6 Prozent erwartet. Weitere geldpolitische Unterstützung dürfte gezielt und nicht breit angelegt erfolgen.

 

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