Laut Paolo Enrico Monaco, Senior Portfolio Manager bei Eurizon bleiben die Schwellenländer ein wichtiger Motor des globalen Wirtschaftswachstums. Ihr jährliches Wachstum dürfte etwa doppelt so hoch ausfallen wie in den Industrieländern. Zugleich werden Schwellenländer-Aktien mit einem erheblichen Bewertungsabschlag gehandelt: Das KGV des MSCI Emerging Markets liegt bei rund 12, verglichen mit 19 beim MSCI World, während für beide Märkte ein vergleichbares Gewinnwachstum von 18 Prozent für das kommende Jahr erwartet wird.
Diese Kombination spiegelt sich auch in der Breite des Gewinnwachstums wider. In Asien reicht die Entwicklung inzwischen über Tech-Hardware und Halbleiter hinaus und erfasst den Rohstoff- und Industriesektor. Getrieben wird dies durch den Ausbau von Rechenzentren, steigende Rohstoffpreise und eine höhere Nachfrage nach Industriegütern. Auch innerhalb der KI-Wertschöpfungskette richtet sich das Interesse zunehmend auf weitere Bereiche. Die KI-bezogene Positionierung geht damit über reine Technologiewerte hinaus.
Breiteres Gewinnwachstum schafft neue regionale Schwerpunkte
Vor diesem Hintergrund dürfte sich die regionale Zusammensetzung der Gewinnbeiträge verändern. Während Korea und Taiwan 2026 die wichtigsten Treiber des Gewinnwachstums waren, dürfte ihr Beitrag 2027 zurückgehen und Indien und China stärker ins Gewicht fallen.
Jenseits der großen KI- und Halbleiterwerte bieten sich in den einzelnen Märkten unterschiedliche Chancen und Schwerpunkte. In Taiwan liegen diese bei Finanzwerten, Rohstoffen und Industrie. In Korea zählen Unterhaltung, Biotechnologie, Beauty sowie Lebensmittel dazu und in China unter anderem bei Biotechnologie, Energiespeicherung und Rohstoffen. Der aktuelle Investitionszyklus in Indien wird durch Energie, Immobilien, Verkehrsinfrastruktur, Metalle und Chemie getragen.
Auch außerhalb Asiens zeigt sich ein differenziertes Bild. In Brasilien stehen weniger makroökonomisch getriebene Investments im Vordergrund. Frühzyklische Sektoren, Finanzdienstleister und Versorger profitieren von der verbesserten Liquidität, während Wertpapiere aus dem Rohstoffbereich durch günstige Gewinnperspektiven unterstützt werden. Die Marktentwicklung könnte zudem durch einen wirtschaftsfreundlichen Ausgang der Präsidentschaftswahl im Oktober zusätzlichen Auftrieb erhalten.
Der US-Dollar bleibt ein wesentliches Abwärtsrisiko
Den positiven Perspektiven stehen allerdings mehrere Risiken gegenüber. Ein stärkerer US-Dollar wäre wahrscheinlich die größte Gefahr für Schwellenländer-Aktien. Er würde die Finanzierungsbedingungen verschärfen und insbesondere Währungen von Ländern mit schwächeren wirtschaftlichen Puffern unter Druck setzen, die Geld- und Fiskalpolitik erschweren und das Risiko von Kapitalabflüssen erhöhen. Eine weitere Herausforderung sind geopolitische Spannungen. Sie können die von Anlegern geforderten Risikoprämien erhöhen und, wie der Iran-Konflikt verdeutlicht, zusätzlichen Inflationsdruck auslösen.
Hohe Abhängigkeit vom globalen Technologiesektor
Ein weiteres Risiko liegt in der weiterhin hohen Korrelation der Schwellenländer-Indizes mit dem globalen Technologiesektor. In den vergangenen zwei bis drei Jahren hat sich ihr Verhältnis zu diesem Sektor deutlich verändert: Schwellenländeraktien reagieren heute überdurchschnittlich stark auf die Entwicklung des globalen KI-Trends und weisen damit zunehmend den Charakter eines „High-Beta“-Investments auf. Allein der Technologiesektor macht mehr als 40 Prozent des Index aus.
Bei den bisherigen Kursgewinnen zeigt sich zudem eine Konzentration auf wenige Märkte: Obwohl Schwellenländer-Aktien im ersten Halbjahr eine starke Entwicklung verzeichnet und dabei die Industrieländer übertroffen haben, waren die Kursgewinne auf wenige Märkte konzentriert, insbesondere auf Südkorea und Taiwan.
Zugleich gibt es Anzeichen für eine zunehmende Rotation. Erste Ermüdungserscheinungen bei reinen Halbleiterinvestments veranlassen Anleger, über die naheliegenden Investments hinauszublicken. Zusammen mit dem anhaltenden Wachstum an den globalen Aktienmärkten schafft dies Spielraum dafür, dass Schwellenländer und bislang weniger beachtete Sektoren profitieren können, wenn sich die Marktführerschaft weiter verbreitert.

