Europa unter Druck – doch Davos sendet erste Signale der Gegenbewegung
Als der diesjährige Davos-Gipfel beginnt, wird die Welt von der größten Krise in den transatlantischen Beziehungen seit dem Zweiten Weltkrieg erschüttert. Donald Trumps wiederholte Drohungen, Grönland einzunehmen, bringen mehrere Staats- und Regierungschefs dazu, die Zukunft der Nato infrage zu stellen – und überall ist vom Tod der regelbasierten Weltordnung die Rede. „Wir fahren nicht nach Davos, um den Status quo zu bewahren. Wir kommen, um ihn direkt zu konfrontieren“, schreibt US-Handelsminister Howard Lutnick in der Financial Times – und verschärft die Spannungen damit weiter.
Doch nach einigen Tagen auf dem Gipfel geschieht etwas. Jenseits von Donald Trumps drohendem und oft wirrem Tonfall treten die Umrisse eines alternativen Weltbilds hervor. Als Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz über seinen Antrieb spricht, Europas Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, verflüchtigt sich ein Teil der tiefschwarzen Zukunftsangst, die das Treffen im vergangenen Jahr geprägt hatte.
In einer Podiumsdiskussion fordert der CEO des deutschen IT-Konzerns SAP, Christian Klein, das Publikum auf, sich nicht von der Erzählung eines angeblich abgehängten Europas lähmen zu lassen. „Es gibt keinen Mangel an Talenten, es gibt keinen Mangel an Daten – wir haben viele Zutaten. Wir sollten uns also nicht selbst in eine Depression hineinreden“, sagt er.
Mark Carney in Davos: Kanadas Premier ruft die Mittelmächte zum Schulterschluss auf
Doch vor allem eine Person tritt während des Gipfels als neuer Anführer der freien Welt hervor: Kanadas Premierminister Mark Carney. „Wir wissen, dass die alte Weltordnung nicht zurückkehren wird. Wir sollten sie nicht betrauern. Nostalgie ist keine Strategie“, sagt er – und erhält stehende Ovationen. „Wir glauben, dass wir aus der Spaltung etwas Stärkeres aufbauen können.“ In einer prägnanten, halbstündigen Rede entwirft er eine klare Zukunftsvision für jene Staaten, die sich derzeit sowohl von den USA als auch von China unter Druck gesetzt fühlen.
„In einer Welt, die von Rivalität zwischen Großmächten geprägt ist, haben die Länder dazwischen eine Wahl: Entweder sie konkurrieren gegeneinander – oder sie schließen sich zusammen und schaffen einen dritten Weg mit Einfluss“, sagt er. „Mittelmächte müssen gemeinsam handeln. Denn wenn wir nicht mit am Tisch sitzen, landen wir auf der Speisekarte.“ In der Praxis bedeutet das, dass Kanada nun massiv in neue Handelsabkommen investiert – ein Ansatz, der sich als Erfolgsrezept erwiesen hat. Trotz starken Drucks aus den USA habe Kanada seit Einführung der Zölle in absoluten Zahlen mehr neue Arbeitsplätze geschaffen als die Vereinigten Staaten, betont der Premierminister.
Neue Bündnisse, neue Märkte: Norden und Europa rücken strategisch näher zusammen
Mark Carney konzentriert sich jedoch nicht nur darauf, sein eigenes Land zu stärken – er arbeitet nun auch aktiv daran, die EU mit den zwölf Mitgliedsstaaten des großen Freihandelsabkommens CPTPP enger zusammenzubringen. Ausgehend von einem Gespräch über die Grönland-Krise hebt er zudem Kanadas enge Bindungen zu den nordischen Ländern hervor. „Diese Beziehung, die sich aus Sicherheitsgründen vertieft hat und weil wir die gleiche Grundhaltung teilen, ist die Art von Partnerschaft, von der ich glaube, dass wir künftig mehr sehen werden“, sagt er.
Dass der Norden – mit Schweden an der Spitze – eine wichtige Rolle in einer Welt spielt, in der Mittelmächte pragmatische Allianzen schmieden, zeigt sich auch an mehreren anderen Stellen des Gipfels. In einer Debatte über Europas Technologiesektor wird Schweden als Beispiel dafür genannt, dass sich auch innerhalb der EU ein florierendes Umfeld für Start-ups aufbauen lässt. Und unter den Investoren, die sich auf der Hauptstraße Promenade durch das Gedränge bewegen, seien inzwischen rund die Hälfte wieder positiv auf Europa gestimmt, sagt Eirik Winter, CEO von BNP Paribas für den Norden.
USA bleiben Finanzmacht – doch geopolitische Risiken verändern die Investmentlogik
Auch wenn derzeit keine groß angelegte Abverkaufswelle bei US-Staatsanleihen zu beobachten ist, hat die Grönland-Krise die Unsicherheit gegenüber US-Investments deutlich erhöht. „Es geht sehr stark darum, Risiken breiter zu streuen“, sagt Eirik Winter. Morten Borge, CEO der norwegischen Investmentgesellschaft Ferd, erklärt, er sehe heute die Abhängigkeit eines Unternehmens vom US-Markt als Risikofaktor – etwas, das man vor zwei Jahren noch kaum berücksichtigen musste. „Es ist weiterhin der größte Finanzmarkt der Welt. Wir überreagieren nicht und ziehen uns nicht zurück oder verkaufen“, sagt er. Dennoch betont er, dass die Risikoprüfung heute ein relevanter Faktor bei neuen Investments sei.
Gleichzeitig beobachtet Jan Larsson, CEO von Business Sweden, eine große Aufbruchsstimmung unter den Unternehmern im Schweizer Alpendorf – weitgehend unbeeinflusst von geopolitischen Spannungen. „Man bekommt Energie allein aus der Tatsache, dass diese Unternehmen Probleme lösen. Es geht nicht nur darum, irgendein Produkt zu finden, das man den Leuten irgendwie andrehen kann“, sagt er. Ja, der Status quo hat sich verändert. Doch während Howard Lutnick und Donald Trump auf „America First“ setzen, bewegt sich der Rest der Welt in eine andere Richtung. Die Mittelmächte sind erwacht.
