
Stromhunger ohne KI-Boom: Zwei Energie-Aktien für Anleger
An Anlageideen mangelt es derzeit nicht, vor allem im Technologiesektor. Trotzdem spricht einiges dafür, mit dem nächsten Kauf nicht noch stärker dieselbe Marktecke zu besetzen. Deshalb richtet sich der Blick auf Energie.
Energieaktien sind dabei nicht als Absicherung gegen Risiken künstlicher Intelligenz zu verstehen. Sollten Microsoft, Meta oder Amazon ihre Investitionen in Rechenzentren stark kürzen, würde sich das schnell auch in den Erwartungen an den Stromverbrauch niederschlagen.
Entscheidend ist eine andere Frage: Ist die Stromversorgung inzwischen zu einem so großen und langfristigen Engpass geworden, dass Energieunternehmen auch dann wachsen können, wenn sich die optimistischsten Prognosen zur künstlichen Intelligenz nicht vollständig erfüllen?
Auch andere brauchen Strom
Die Internationale Energieagentur erwartet, dass der Stromverbrauch in den USA zwischen 2026 und 2030 im Schnitt um fast zwei Prozent pro Jahr wächst. Das ist mehr als doppelt so schnell wie im vergangenen Jahrzehnt. In fünf Jahren soll der Verbrauch um mehr als 420 Terawattstunden steigen. Etwa die Hälfte der zusätzlichen Nachfrage dürfte auf Rechenzentren entfallen, der Rest auf die Ausweitung der Industrie, Elektroautos, Klimaanlagen, Wärmepumpen und die Elektrifizierung anderer Bereiche, berichet das Portal Finance.si.
Zuletzt gab es allerdings eine gute Erinnerung daran, dass nicht alle geplanten Rechenzentren bereits als gesichertes Geschäft gelten dürfen. Nach einer Reuters-Recherche haben Großverbraucher in den USA Anträge auf Anschluss an das Stromnetz in einem Gesamtumfang von mehr als 700 Gigawatt gestellt. Das ist mehr als das Zehnfache des geschätzten heutigen Leistungsbedarfs aller amerikanischen Rechenzentren.
Das Problem wird Phantomnachfrage genannt.
Ein Investor kann für dasselbe Rechenzentrum gleichzeitig Standorte in mehreren Bundesstaaten prüfen und an mehreren Orten einen Netzanschluss beantragen. Am Ende baut er aber nur ein Zentrum. Manche Investoren haben für ihre Anträge noch keinen endgültigen Kunden, keine gesicherte Finanzierung oder nicht einmal eine finale Bauentscheidung. Für den Netzbetreiber sehen all diese Anträge zunächst wie künftiger Strombedarf aus. Auf dieser Grundlage muss er beginnen, neue Leitungen, Umspannwerke und Erzeugungskapazitäten zu planen.
Wenn Investoren ihre Pläne mit Geld unterlegen müssen, verschwindet ein Teil der Nachfrage schnell. Der börsennotierte US-Konzern Exelon, der Stromnetze in mehreren Bundesstaaten betreibt, schätzte noch Ende vergangenen Jahres, dass Rechenzentrumsbedarf im Umfang von 18 Gigawatt sehr wahrscheinlich realisiert werde. Als Exelon verbindliche Verträge und finanzielle Garantien verlangte, sank die Zahl auf elf Gigawatt.
Davon sind nur rund vier Gigawatt durch Verträge gedeckt, für die Kunden zusammen fast eine Milliarde Dollar an Garantien hinterlegt haben. Für Anleger ist dieser Unterschied wichtig. Ein Gigawatt in der Anschlusswarteschlange zeigt Interesse. Ein Gigawatt, hinter dem Vertrag und Geld stehen, ist deutlich näher am tatsächlichen Geschäft.
NextEra Energy-Aktie: Neue Kapazitäten
Zu den interessanteren Kandidaten zählt die NextEra Energy-Aktie. Ein Teil des Energiekonzerns ist Florida Power & Light, das größte Stromversorgungsunternehmen der USA, das rund zwölf Millionen Menschen mit Strom versorgt. Der andere Teil, NextEra Energy Resources, entwickelt erneuerbare Energien, Batteriespeicher sowie Kern- und Gaskraftwerke. Einen großen Teil des erzeugten Stroms verkauft das Unternehmen auf Basis langfristiger Verträge.
Im zweiten Quartal steigerte NextEra den bereinigten Gewinn je Aktie um 9,5 Prozent auf 1,15 Dollar. Das Management erwartet bis 2032 ein jährliches Gewinnwachstum von mindestens acht Prozent. Energy Resources nahm im Quartal 3,6 Gigawatt neue Kapazitäten aus erneuerbaren Energien und Energiespeichern in die geplanten Projekte auf. Der gesamte Projektumfang erreichte damit 35,1 Gigawatt.
Ende Juli wurden Brookfield und NextEra als Partner für ein großes Projekt auf dem Gelände einer ehemaligen Urananreicherungsanlage ausgewählt. Die 100 Milliarden Dollar, die in den Schlagzeilen ausländischer Medien hervorgehoben wurden, sind jedoch kein Auftragswert für NextEra. Es handelt sich um die geplante gesamte private Investition in den Komplex aus Rechenzentren und Energieinfrastruktur.
Der Strombedarf des Komplexes könnte 1,8 Gigawatt erreichen. Das entspricht gut zehn Prozent mehr als der Leistung des französischen EPR-Reaktors Flamanville 3, einem der leistungsstärksten Kernreaktoren der Welt. Bei Windkraft entspräche der Strombedarf in Höhe von 1,8 Gigawatt rechnerisch 120 modernen Offshore-Windrädern – knapp zweimal dem Offshore-Windpark He Dreiht in der deutschen Nordsee mit seinen 64 Windkraftanlagen.
Wachstumschance, aber nicht billig
Im August bekam NextEra eine weitere große Wachstumschance. Mit dem US-Handelsministerium und der japanischen Regierung schloss das Unternehmen Vereinbarungen über die Entwicklung neuer Gaskraftwerke mit einer Gesamtleistung von bis zu zehn Gigawatt. Der Gesamtwert soll 33 Milliarden Dollar erreichen. Die ersten Kraftwerke könnten Ende 2028 den Betrieb aufnehmen, das gesamte Projekt soll 2032 abgeschlossen sein. Ein solches Wachstum ist natürlich nicht billig. Nach Marktschätzungen wird die NextEra Energy-Aktie mit etwa dem 21-Fachen des diesjährigen und dem 19-Fachen des erwarteten Gewinns für 2027 gehandelt.
Im vergangenen Jahr erzielte das Unternehmen 3,71 Dollar bereinigten Gewinn je Aktie. Für dieses Jahr erwartet das Management 3,92 bis 4,02 Dollar. Die durchschnittliche Analystenprognose für das kommende Jahr liegt bei 4,38 Dollar. Aufmerksamkeit verlangt auch die Verschuldung. Ende Juni hatte NextEra rund 110 Milliarden Dollar Schulden und 2,9 Milliarden Dollar an Barmitteln. Die Nettoverschuldung lag also bei rund 107 Milliarden Dollar. Die Ratingagentur Fitch erwartet für dieses Jahr ein Verhältnis von Nettoverschuldung zu EBITDA von etwa 5,9.
Für ein Stromversorgungsunternehmen ist das nicht ungewöhnlich. Neue Kraftwerke und Netze werden überwiegend mit geliehenem Geld gebaut, die Geldflüsse aus dem regulierten Geschäft sind relativ vorhersehbar. Bei hohen Zinsen lässt sich eine solche Verschuldung dennoch nicht ignorieren. Fitch erwartet, dass das diesjährige EBITDA die Zinskosten etwa 3,1-fach deckt. Im vergangenen Jahr lag dieser Wert noch bei 3,8. Das hohe Investitionstempo erhöht damit auch die Zinssensitivität des Unternehmens.
NRG Energy-Aktie: Der Kunde beteiligt sich mit eigenem Geld am neuen Kraftwerk
Die NRG Energy-Aktie ist eine andere und günstigere Anlagemöglichkeit. Im Januar kaufte das Unternehmen von LS Power 18 Kraftwerke, überwiegend Gaskraftwerke, mit einer Gesamtleistung von 13 Gigawatt. Außerdem übernahm NRG CPower, das mehr als 2.000 großen Geschäftskunden hilft, ihren Stromverbrauch an die Bedürfnisse des Netzes anzupassen. Mit der Übernahme verdoppelte NRG seine Erzeugungskapazitäten praktisch.
Deshalb dürften sich auch die Geschäftszahlen in den kommenden Jahren deutlich verändern. Im vergangenen Jahr erzielte NRG Energy 4,01 Dollar bereinigten Gewinn je Aktie. Das waren 20 Prozent weniger als 2024. Der Rückgang war vor allem eine Folge unrealisierter Verluste bei Finanzanlagen.
Die Mitte der diesjährigen Gewinnprognose liegt bei 8,03 Dollar je Aktie, was ungefähr einer Verdoppelung entspricht. Bis 2030 setzt sich NRG das Ziel eines durchschnittlichen jährlichen Gewinnwachstums von mindestens 14 Prozent. Analysten erwarten für 2027 derzeit bereits 10,44 Dollar Gewinn je Aktie, fast 30 Prozent mehr als in diesem Jahr.
Besonders interessant ist das geplante neue Gaskraftwerk in Texas mit einer Leistung von 1,2 Gigawatt. Ein großer Kunde, dessen Name noch nicht bekannt gegeben wurde, hat bereits eigenes Geld in das Projekt eingebracht. Für den Vertrag, der mindestens 15 Jahre laufen soll, soll auch die Muttergesellschaft des Kunden bürgen.
Mehr als 95 Prozent des Geldflusses des Projekts sollen aus Zahlungen dafür stammen, dass NRG dem Kunden jederzeit die vereinbarte Erzeugungskapazität einsatzbereit garantiert. Damit ist das Projekt weniger abhängig vom aktuellen Marktpreis für Strom. NRG erwartet aus der Investition im Wert von 3,2 Milliarden Dollar mindestens 500 Millionen Dollar jährliches bereinigtes EBITDA, also Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen.
Beim aktuellen Aktienkurs von etwa 112 Dollar entspricht das ungefähr dem 14-Fachen des diesjährigen erwarteten Gewinns und nur dem Zehn- bis Elffachen der Prognose für das kommende Jahr. Im Vergleich zu NextEra wird für deutlich schneller erwartetes Gewinnwachstum also ein spürbar niedrigerer Multiplikator gezahlt.
Allerdings geht die niedrigere Bewertung mit höherem finanziellen Risiko einher. Nach der Übernahme der Kraftwerke von LS Power lag die Verschuldung Ende Juni bei rund 23,3 Milliarden Dollar. Die vierteljährlichen Zinskosten stiegen innerhalb eines Jahres von 148 auf 310 Millionen Dollar.
Gemessen an der diesjährigen Prognose des Managements, das 5,3 bis 5,8 Milliarden Dollar bereinigtes EBITDA erwartet, liegt das Verhältnis von Nettoverschuldung zu EBITDA derzeit grob etwas über vier. NRG will es langfristig unter drei senken. Das neue Kraftwerk in Texas könnte das Erreichen dieses Ziels jedoch bis 2029 verschieben.
Energie bleibt auf der Kaufliste
Nach Durchsicht der Zahlen wirkt Energie als Richtung für die nächste Anlage interessant. Das Wachstum der Stromnachfrage hat neben künstlicher Intelligenz noch andere Grundlagen. Der Mangel an Erzeugungs- und Netzkapazitäten könnte auch dann anhalten, wenn ein Teil der heutigen Rechenzentrumspläne wegfällt. Zugleich bleibt klar: Mit dem Kauf von Energieaktien bleibt man auch den Erwartungen an die Entwicklung künstlicher Intelligenz ausgesetzt.
Die NextEra Energy-Aktie erscheint derzeit als der hochwertigere und ausgewogenere Kandidat. Die NRG Energy-Aktie bietet wegen der niedrigeren Bewertung größeres Renditepotenzial. Dafür müssten Anleger aber auch deutlich höhere finanzielle Risiken akzeptieren.
