Europa droht ein Preisschock und ein stärker als erwarteter Anstieg des Euribor

Der 6-Monats-Euribor ist auf den höchsten Stand seit anderthalb Jahren geklettert. Der Anstieg dürfte sich fortsetzen, da ein unerwartet starker Anstieg der Rohölpreise Europa einen schweren Preisschock bescheren könnte.
Europa droht ein Preisschock und ein stärker als erwarteter Anstieg des Euribor

Euribor steigt: Warum Europas Kreditnehmer zittern müssen

Gerade der Rohölpreis bestimmt das künftige Zinsniveau im Euroraum. Die neue Eskalation des Konflikts im Nahen Osten trieb den Preis für Nordsee-Rohöl der Sorte Brent in dieser Woche auf fast 100 Dollar je Barrel. Der Markt hält auch einen Anstieg über 120 Dollar für möglich.

Nach Angaben von Nigel Green, Vorstandschef der Finanzberatungsgesellschaft deVere Group, droht ein neuer Anstieg der Rohölpreise die Beruhigung der Inflation der vergangenen Monate zunichtezumachen, berichtet Kauppalehti.

Green zufolge wirft jede neue Eskalation immer dieselbe Frage auf: Was geschieht, wenn der Ölpreis nicht wochen-, sondern monatelang über 95 Dollar bleibt? Die meisten Investoren, von Zentralbankern ganz zu schweigen, hätten ein solches Szenario noch nicht eingepreist. Jetzt sei Eile geboten.

Die Folgen des Krieges unter Beobachtung

Der Präsident der Eesti Pank, Ülo Kaasik, sagte zu unseren Bonnier-Kollegen von Äripäev, dass die Geldpolitiker derzeit tatsächlich vor allem die Auswirkungen des Nahost-Krieges auf die Preise von Energieträgern und anderen Waren beobachten. Die Europäische Zentralbank wolle sehen, wie Angebotsbeschränkungen breiter in die Wirtschaft weitergegeben werden.

Kaasik betonte, dass eine Zentralbank die Inflation mit ihrer Zinspolitik mit einer Verzögerung von etwa ein bis zwei Jahren beeinflussen könne. „Extrem wichtig ist zu verstehen, dass solche vorübergehenden Preisanstiege keine Preisspirale auslösen oder sich auf irgendeine Weise tiefer in der Wirtschaft verankern“, erklärte er.

Dabei sei nach Kaasiks Worten wichtig zu beobachten, wie im Zuge der Inflation beispielsweise die Löhne steigen. Für die Zentralbank sei entscheidend, gerade die sogenannten Zweitrundeneffekte des Preisanstiegs einzudämmen, um innerhalb eines vernünftigen Zeitraums wieder zum Ziel von zwei Prozent zurückzukehren. Die jährliche Inflation im Euroraum verlangsamte sich im Juni auf 2,8 Prozent.

Auch andere Mitglieder des Rats der Europäischen Zentralbank, EZB, haben in der vergangenen Woche auf den mit dem Krieg verbundenen Preisanstieg hingewiesen, berichtet Kauppalehti. Der Präsident der Banque de France, Emmanuel Moulin, glaubt, dass die Weitergabe des Ölpreisanstiegs vor allem auf Dienstleistungen und Transportpreise derzeit das größte Risiko ist. Er betonte, genau das wolle die EZB vermeiden. Deshalb beobachte sie nun vor allem die Dauer des Energieschocks.

Zinsen steigen, aber wie stark?

Letzte Woche ließ die Europäische Zentralbank die Zinsen erwartungsgemäß unverändert. In ihrer Pressemitteilung stellte der EZB-Rat fest, dass die Unsicherheit weiterhin groß sei und sich die vollständige Wirkung des Anstiegs der Energiepreise auf die Inflation noch nicht gezeigt habe. Deshalb beobachte der Rat die Entwicklung aufmerksam.

Der Präsident der Eesti Pank, Ülo Kaasik, sagte am Freitag im Radio von Äripäev, es bestehe die Gefahr, dass die Inflation länger höher bleibe. Die nächsten Entwicklungen seien derzeit jedoch sehr schwer vorherzusehen. Deshalb habe man den Zinssatz unverändert gelassen. „Wenn das Wetter neblig ist, nimmt man den Fuß vom Gas und fährt ruhiger“, veranschaulichte er.

Die Märkte sind jedoch überzeugt, dass im September mindestens eine Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte kommt. Kauppalehti berichtet, dass Lorenzo Codogno, Professor an der London School of Economics und Ökonom, für September sogar eine Zinserhöhung um 0,5 Prozentpunkte erwartet.

„Die EZB ist zum Basisszenario vom Juni zurückgekehrt, in dem die Inflationsrisiken steigen und die wirtschaftliche Aktivität sinkt. Die Unsicherheit ist tatsächlich sehr groß. Wenn sich die Energiekrise meinen Erwartungen entsprechend verschärft und die Daten stärker mit dem Risikoszenario als mit dem Basisszenario übereinstimmen, wird die EZB die Zinssätze erneut um bis zu 0,5 Prozentpunkte anheben“, kommentierte er.

Euribor auf höchstem Stand seit anderthalb Jahren

Kaasik merkte an, dass die Erwartung der Märkte, der Zinserhöhungszyklus werde weitergehen, der Zentralbank wiederum die Möglichkeit gebe, die Lage zu bewerten und bei den nächsten Terminen gegebenenfalls zu reagieren.

Am Freitag markierte der sechsmonatige Euribor erneut ein Rekordniveau der vergangenen anderthalb Jahre, als er auf 2,72 Prozent stieg. Zuletzt war der Euribor im November 2024 so hoch. Der zwölfmonatige Euribor erreicht bereits 2,99 Prozent.

Wenn die EZB die Anhebung der Zinssätze fortsetzt, könnte der sechsmonatige Euribor den Prognosen zufolge bis zum Jahresende auf bis zu drei Prozent steigen und der zwölfmonatige Euribor auf vier Prozent. Das würde geschehen, wenn die EZB die Zinssätze in diesem Jahr mehr als einmal anhebt, schreibt Kauppalehti.

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