Luxusuhren sind mehr als nur Kapitalanlage
Uhren liegen Peep Sooman schon seit seiner Kindheit am Herzen. Im Laufe der Zeit ist das Interesse an ihnen immer weiter gewachsen. Aus der Bewunderung für den Citizen-Chronographen am Handgelenk seines älteren Bruders in der Kindheit ist eine Uhrensammlung entstanden, zu der Dutzende Luxusuhrenmarken bis hin zu Vacheron Constantin gehört haben.
Es ist ein teures Hobby, von dem man die Gedanken nur schwer losbekommt. Der wohlhabende Unternehmer merkt selbst während des Interviews an, dass er vielleicht heute noch losgeht und eine weitere Uhr kauft. „Investieren in Uhren ist eine Sache, Sammeln und Uhrenliebe eine andere. Ja, ich habe einige Uhren, die auch einen erheblichen Anlagewert haben, aber grundsätzlich ist eine Uhr nicht die beste Kapitalanlage der Welt. Vor allem ist sie eine Investition in das eigene Wohlbefinden“, sagt Sooman.
Eine Uhr hat Sooman auch mit Anlageabsicht von einem international bekannten Formelrennfahrer gekauft, dessen Namen er streng geheim halten will.
Eine Luxusuhr für drei Euro am Tag
Sooman mag es nicht, Uhren als Anlagevermögen zu betrachten, weshalb er im Interview mehrfach die Wortwahl des Journalisten korrigiert. Für sich selbst hat er ein System entwickelt, mit dem er den Kauf teurer Uhren begründet.
„Wenn der Wert einer Uhr im Jahr um 1000 Euro sinkt, verteilt sich dieser Verlust auf 365 Tage. Das bedeutet, dass ich technisch gesehen für das Tragen der Uhr oder für die Möglichkeit, sie zu tragen, etwa drei Euro pro Tag zahle. Das ist ein Betrag, für den man heutzutage kaum noch einen ordentlichen Kaffee bekommt. Wenn der Wert der Uhr im Jahr aber um denselben Betrag steigt, bezahlt der Markt mir gewissermaßen das Tragen der Uhr“, erklärt Sooman seine Denkweise.
Sooman vergleicht das Verhalten des Uhrenwerts mit einem Auto. Wenn der stolze Besitzer eines neuen Autos mit dem Wagen aus dem Salon fährt, verschwindet ein Teil des Werts wie Blei im Wasser. Dasselbe gilt seiner Ansicht nach auch für Uhren. Wenn der Besitzer den Laden verlässt, hat er mit dem Kauf häufig bereits Geld verloren.
Dagegen können gebrauchte Uhren ihren Preis deutlich besser halten. Sie brauchen aber von Zeit zu Zeit Wartung, was wiederum die Rendite auffrisst. Uhrenmodelle, deren Wert im Laufe der Zeit steigt, sind laut dem lebenslangen Uhrenenthusiasten Peep Sooman eher Ausnahme als Regel. In Soomans Sammlung befinden sich rund zwanzig Uhren. Den Wert der Kollektion nennt er nicht, räumt aber ein, dass er eine klare Grenze gezogen hat. „So viel kann ich sagen. Ich halte absichtlich nicht gleichzeitig einen sechsstelligen Betrag in Uhren“, so der Unternehmer gegenüber dem estnischen Portal Äripäev.
Einer von Soomans eigenen Favoriten ist TAG Heuer, 1860 in der Schweiz gegründet. Die Marke ist vor allem für sportliche und technologische Luxusuhren bekannt. Ihr Image wird stark von Motorsport, präziser Zeitmessung und Chronographen geprägt.
„TAG Heuer ist ein bisschen wie mein Charakter. Sie macht viel, ist lauter als der Durchschnitt, erfindet ständig etwas Neues und kann nicht ruhig stehen bleiben“, sagt Sooman. Auf die Frage, wie viele Armbanduhren der weltweit bekanntesten Uhrenmarke Rolex er besitzt, antwortet Sooman, dass er sie inzwischen alle verkauft hat. „Ich fühlte mich unwohl, wenn ich eine Rolex am Handgelenk hatte und in Gesellschaft ging. Ich fühle mich nicht gut, wenn ich etwas trage, mit dem sich viele Menschen in der Uhrenwelt aufzuwerten versuchen. Das ist nicht meine Geschichte“, erklärt der Uhrenenthusiast.
Er räumt ein, dass Rolex eine sehr zuverlässige Uhr ist und ihren Preis besser hält als die meisten anderen Marken. Doch die Kultur rund um die Marke störe ihn. „Mich stört dieses ganze Konzept. Künstliche Knappheit, jahrelange Wartelisten, das Umkreisen offizieller Händler und das Einschmeicheln“, sagt Sooman.
Liquidität ist wichtiger als Marktwert
Wichtiger als der Marktwert von Uhren ist für Sooman ihre Liquidität, also das Preisniveau, zu dem sich eine Uhr mit geringem Aufwand zu Geld machen lässt. In Estland z.B., Punkt liegt dieses seiner Einschätzung nach zwischen 2000 und 5000 Euro. „Eine Uhr in dieser Preisspanne ist mit zwei oder drei Telefonaten verkauft“, sagt er. Der Verkauf einer Uhr für 15.000 bis 30.000 Euro kann sich dagegen sehr lange hinziehen. Eine so teure Uhr loszuwerden ist selbst im Nachbarland Finnland schwierig, wo die Uhrenkultur deutlich stärker ist.
Seiner Ansicht nach kann man in Lettland sehr gute Uhren mit Dokumentation und Garantie bekommen. Allgemein seien der lettische und der estnische Markt jedoch nicht so miteinander verbunden wie der estnische und der finnische Markt.
Peeter Koppel: Der Uhreninvestor ist überdurchschnittlich wohlhabend
Laut dem Wirtschaftsanalysten und Uhrenenthusiasten Peeter Koppel steigen die Preise von Uhren mit begrenztem Angebot vor allem in einem inflationären und reflationären Umfeld. „Ein Umfeld, in dem die Preise für Edelmetalle steigen, schadet ebenfalls nicht. Natürlich fällt das tendenziell mit den vorher genannten Umfeldern zusammen. In der Zeit des Gelddruckens und beim Inflationsfestival nach der Pandemie ist der Uhrenmarkt völlig verrückt geworden“, erinnert sich der Analyst.
Als eine der größten Gefahren für Uhreninvestoren nennt der Wirtschaftsanalyst den Rückgang der Edelmetallpreise. „Zugleich gilt. Wenn du eine Uhr außerhalb der ‚heiligen Dreifaltigkeit‘ hast, also eine andere Marke als Rolex, Patek Philippe oder Audemars Piguet, dann bist du heute potenziell bereits Teil eines fallenden Preistrends. Außerdem kannst du auf eine Superkopie hereinfallen, besonders wenn du auf dem sogenannten Zweitmarkt aktiv bist. Oder du bekommst ein Instrument, das nicht ordentlich gewartet wurde“, nennt Koppel die Risiken.
Zudem scheint ihm, dass sich die Welt in eine Richtung bewegt, in der Luxus nicht mehr ein Gegenstand ist, sondern ein Erlebnis. Uhren könnten daher in ein Loch der Opportunitätskosten fallen. Obendrein tragen laut Koppel immer mehr Menschen Smartwatches.
„Das größte Uhrenunternehmen der Welt ist seit fast zehn Jahren Apple. Gleichzeitig ist es ziemlich furchtbar, wenn unter der Manschette eines Mannes im Anzug irgendeine riesige Garmin oder Ähnliches hervorschaut. Uff. Nein, sowohl die Apple Watch Ultra als auch Garmin sind hervorragende Instrumente, aber zur Krawatte passt wirklich keine von beiden. Niemals“, sagt Koppel.
Als letztes Risiko nennt der Wirtschaftsanalyst und Uhrenenthusiast das allgemeine Risiko der Vermögenspreise. Wenn alle anderen Märkte fallen sollten, bewegen sich auch Uhren mit. „Bei jeder Korrektur an den Aktienmärkten nimmt das Angebot in manchen Kanälen sichtbar zu“, sagt er. Worin unterscheidet sich der Uhreninvestor vom durchschnittlichen estnischen Privatanleger an den Finanzmärkten?
„Im Allgemeinen sind bei Uhreninvestoren im Anlagekontext auch andere Anlageklassen ordentlich abgedeckt. Es gibt sowohl Immobilien als auch Finanzvermögen. Außerdem handelt es sich meist um Menschen, für die das Wort ‚wohlhabend‘ passt. In manchen Fällen auch ‚reich’„, sagt Koppel abschließend.
Uhrenhändler Goldtime: Eine Luxusuhr ist vor allem Emotion
Laut Rassel Illak, Markenchef für Schweizer Uhren bei Goldtime, ist der Uhrenmarkt in guter Verfassung, auch wenn er im Vergleich zu den größeren Weltmärkten jünger, kleiner und mit geringerer Kaufkraft ausgestattet ist. Beim Investieren in Uhren bleibt Illak vorsichtig. Seiner Meinung nach werden Luxusuhren vor allem wegen Emotion, Qualität und Tragefreude gekauft, nicht als klassische Kapitalanlage. „In schwierigen Zeiten ist eine Luxusuhr eher eine Investition in den gegenwärtigen Moment“, sagt er.
Wertsteigerungen könne man seiner Einschätzung nach vor allem bei limitierten, schwer erhältlichen oder technisch innovativen Modellen hochwertiger Marken erwarten, bei denen die Nachfrage das Angebot übersteigt. Bei erfahrenen Sammlern werde Besonderheit und Unterscheidbarkeit immer wichtiger.
Luxusuhren sind auch hierzulande relevant, da auch in Deutschland Statussymbole und alternative Anlagen stärker in den Vordergrund rücken. Doch der Artikel zeigt klar, dass Luxusuhren nur selten eine einfache Kapitalanlage sind. Wer eine Uhr kauft, kauft oft Emotion, Handwerk und Zugehörigkeit zu einer Kultur. Rendite kann hinzukommen, ist aber nicht garantiert. Das Fazit ist deshalb nüchtern. Luxusuhren können Vermögen bewahren oder steigern, doch ohne Fachwissen, Liquiditätsblick und Vorsicht am Zweitmarkt wird aus dem Investment schnell ein teures Hobby.
