SpaceX-Rekord beflügelt, Inflationssorgen bleiben

“Der größte Börsengang der Geschichte hat die Kapitalmärkte zuletzt beflügelt, doch abseits der KI-Euphorie gibt es mit dem Iran-Krieg und der hartnäckig hohen Inflation auch weniger erfreuliche Themen.“ Das sagt Nils Kottke, Mitglied des Vorstandes im Bankhaus Spängler, im aktuellen Kapitalmarktausblick der ältesten Privatbank Österreichs. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht derzeit vor allem die Frage, wie lange die gute Stimmung an den Börsen noch anhält.

SpaceX-Debüt sprengt alle Dimensionen

Im Juni ging das Raumfahrt-, Telekommunikations- und KI-Unternehmen von Elon Musk an die Börse – der größte Börsengang aller Zeiten. Kurzzeitig erreichte SpaceX eine Marktkapitalisierung von rund 2.650 Mrd. US-Dollar und stieg damit praktisch aus dem Stand zu einem der fünf wertvollsten Konzerne der Welt auf. Zum Vergleich: Der gesamte österreichische Leitindex ATX kommt auf rund 170 Mrd. Euro. „Wie sich die SpaceX-Aktie weiterentwickelt, könnte richtungsweisend für die Aktienmärkte der kommenden Monate sein“, erklärt Markus Dürnberger, Bereichsleiter Asset Management im Bankhaus Spängler. Für den Herbst erwartet er mit Anthropic und OpenAI zwei weitere milliardenschwere Börsengänge aus dem KI-Bereich.

Konjunktur: Europa hinkt hinterher

Während die US-Wirtschaft dank hoher Ausgaben für KI-Rechenzentren und robustem privatem Konsum bislang überraschend gut lief, kämpft die Eurozone mit hohen Energiepreisen. Die Industrie hält sich dort noch einigermaßen, da sie von den gestiegenen Staatsausgaben profitiert. „Viele Institutionen haben ihre Wachstumsprognosen für Europa zuletzt deutlich nach unten revidiert“, so Kottke. Immerhin habe der Dienstleistungssektor als größtes Sorgenkind offenbar seinen Tiefpunkt überwunden.

Inflation bleibt hoch, Ölpreis als Schlüsselfaktor

Der Iran-Krieg trieb den Brent-Ölpreis zeitweise auf 120 US-Dollar je Barrel – eine Verdoppelung seit Jahresbeginn. Mit dem Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran fiel er unter 80 US-Dollar und damit annähernd auf das Vorkriegsniveau zurück. Die zuletzt negativen Entwicklungen haben allerdings wieder zu einem Anstieg des Ölpreises geführt. Die Inflation lag in der Eurozone im Juni bei 2,8 Prozent, in Österreich bei 3,2 Prozent – beide Werte weiterhin über dem EZB-Ziel. In den USA kletterte die Teuerung im Mai über vier Prozent, den höchsten Wert seit mehr als drei Jahren, getrieben von hohen Preisen an der Tankstelle. „Kurzfristig könnte die Inflation noch hoch bleiben, mittelfristig sollte der jüngste Ölpreisrückgang aber für Entlastung sorgen“, erwartet Dürnberger.

Zinspolitik: EZB hebt an, Fed unter neuer Führung

Die divergierende Konjunktur- und Inflationslage spiegelt sich in der Geldpolitik wider. Die EZB erhöhte die Zinsen im Juni um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent und stellte einen weiteren Schritt in Aussicht. Die Fed beließ ihren Leitzins bislang unverändert. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht der neue Fed-Chef Kevin Warsh, der von Präsident Trump mit der Erwartung rascher Zinssenkungen berufen wurde. „In seiner ersten Pressekonferenz gab sich Warsh überraschend restriktiv – von Zinssenkungen war keine Rede, die Projektionen deuten sogar auf eine Erhöhung hin“, so Asset Manager Dürnberger.

Aktien auf Rekordkurs, Anleiherenditen gestiegen

Die Aktienmärkte zeigten sich krisenresistent und erreichten trotz des Kriegsgeschehens vielerorts neue Rekordhochs, getragen von KI-Euphorie und Friedenshoffnungen. Besonders deutlich zeigt sich der Technologietrend am Philadelphia Semiconductor Index, der sich heuer bereits verdoppelt hat – deutlich mehr als der breite US-Markt. „Die Marktbreite ist gering, viele US-Aktien sind bereits ambitioniert bewertet. Kippt der Optimismus, ist eine kräftigere Korrektur möglich“, warnt Spängler-Vorstand Kottke. “An den Anleihemärkten zogen die Renditen zehnjähriger Anleihen mit Kriegsbeginn kräftig an, gaben zuletzt aber wieder etwas nach.”

Bitcoin und Gold verlieren an Strahlkraft

Während sich alle Aufmerksamkeit auf Künstliche Intelligenz richtet, hat Bitcoin deutlich an Interesse eingebüßt und sich seit seinem Rekordhoch im Oktober bei rund 125.000 US-Dollar mehr als halbiert. Auch Gold verhielt sich zuletzt nicht wie der klassische sichere Hafen und entwickelte sich gegenläufig zum Ölpreis – von seinem Jänner-Hoch bei über 5.500 US-Dollar je Feinunze hat es spürbar nachgegeben. Es gibt aber aktuell auch gute Gründe, die dem Goldpreis wieder Rückenwind verleihen könnten.

Ausblick: Chancen und Risiken im zweiten Halbjahr

Für die kommenden Monate rechnet das Bankhaus Spängler im Basisszenario mit moderatem Wirtschaftswachstum, nur vorübergehend erhöhter Inflation in Europa, keinen weiteren Zinssenkungen in den USA und moderat steigenden Unternehmensgewinnen. „Risiken sehen wir vor allem in der (Geo-)Politik, einer länger anhaltenden Phase hoher Inflation, den steigenden Staatsschulden und der Gefahr, dass die Fed ihre Unabhängigkeit verliert“, fasst Dürnberger zusammen. “Chancen bieten dagegen ein stärkeres Wirtschaftswachstum, ein echtes Ende des Iran-Krieges, eine Entspannung im Ukraine-Krieg sowie Produktivitätsgewinne durch Künstliche Intelligenz.”

www.spaengler.at

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