Adieu Frankreich, adieu Deutschland: Wohin Europas Reiche ziehen

Politische Unsicherheit, hohe Steuern: Das sind die wichtigsten Gründe, warum Reiche die zwei stärksten Länder Europas verlassen. Wohin gehen sie?
Adieu Frankreich, adieu Deutschland: Wohin Europas Reiche ziehen

Warum Millionäre Europa verlassen

Das berühmte französische Joie de vivre, die hohe Lebensqualität und die Attraktivität von Paris wiegen für die reichsten Franzosen offenbar die hohen Steuern sowie die politische und wirtschaftliche Unsicherheit nicht mehr auf. Im vergangenen Jahr verließen netto 800 Millionäre Frankreich. Ähnlich ist es in Deutschland, wo bestbezahlte und hochqualifizierte Beschäftigte immer häufiger über einen Umzug nachdenken.

Wohin es „unsere Reichen“ zieht, ist die Frage. Attraktiv sind für sie die Vereinigten Arabischen Emirate, Monaco, die Schweiz, Italien und andere Länder, die niedrigere Steuern oder besondere Steuerregime anbieten.

Frankreich: Millionäre bleiben noch, doch der Trend dreht sich

Im Jahr 2025 verließen netto 800 Millionäre Frankreich. Das ist nur ein kleiner Anteil aller vermögenden Einwohner des Landes. Doch die Gründe für den Wegzug sind aufschlussreich: hohe Steuern, steuerliche Unsicherheit und anhaltende politische Instabilität, schreibt das Portal Casnik Finance unter Berufung auf Euronews.

Nach Daten des UBS Global Wealth Report leben in Frankreich weiterhin rund 2,4 Millionen Menschen mit einem Vermögen von mehr als einer Million Euro. Doch ein Teil der Reichsten zieht anderswohin, zusammen mit seinem Kapital. Nach Angaben des französischen Instituts für Forschung zu öffentlicher Verwaltung und Politik iFRAP nahm jeder ausgewanderte Millionär im Schnitt fünf Millionen Euro an persönlichem Vermögen mit. Insgesamt sollen so etwa vier Milliarden Euro Frankreich verlassen haben.

Obwohl die Zahl der Wegzüge vergleichweise klein ist, kann ihre wirtschaftliche Wirkung deutlich größer sein. Vermögende Personen gründen häufig Unternehmen, finanzieren Investitionen, schaffen Arbeitsplätze und tragen einen wichtigen Anteil zu den Steuereinnahmen bei.

Frankreich hat in den vergangenen fünf Jahren sechs Premierminister erlebt. Das Land wird von Haushaltskrisen erschüttert. Die Unsicherheit wächst auch durch die Frage, wie künftige Regierungen die schnell steigende Staatsverschuldung in den Griff bekommen wollen.

Zusätzlich verstärkt wird sie durch die Möglichkeit eines Siegs von Marine Le Pen bei der Präsidentschaftswahl im April 2027. Obwohl ihr Rassemblement National versichert, ein günstiges Geschäftsumfeld erhalten zu wollen, bezweifeln Ökonomen, dass sich seine Versprechen höherer öffentlicher Ausgaben mit den belasteten französischen Finanzen und den fiskalischen Regeln der EU vereinbaren lassen.

Vermögensteuern als Auslöser

Ein wichtiger Grund für die Wegzüge sind auch Steuern auf Vermögen. Der Vorschlag des französischen Ökonomen Gabriel Zucman sah eine jährliche Steuer von zwei Prozent auf Vermögen über 100 Millionen Euro vor, wurde jedoch nicht angenommen.

Stattdessen führte Frankreich eine 20-prozentige Steuer auf Luxusvermögen wie Jachten, Privatflugzeuge, Sportwagen und Schmuck ein, wenn dieses Eigentum passiven Familienholdings mit einem Wert von mindestens fünf Millionen Euro gehört.

Frankreich hat eine lange Geschichte der Vermögensbesteuerung. Präsident François Mitterrand führte 1982 den Solidaritätsvermögensteuer ISF ein. Nach Angaben der Europäischen Kommission nahm der Staat damit 63,5 Milliarden Euro ein, im Jahr 2017 etwa 4,1 Milliarden Euro.

Nach Schätzungen des französischen Ökonomen Éric Pichet soll die Steuer jedoch auch einen Kapitalabfluss von rund 200 Milliarden Euro verursacht und das jährliche Wirtschaftswachstum um etwa 0,2 Prozentpunkte verringert haben.

Auch Spitzenverdiener in Deutschland denken ans Wegziehen

Innerhalb eines Jahres zogen mehr als 288.000 deutsche Staatsbürger ins Ausland. Eine Umfrage im Auftrag der Jobplattform Indeed zeigt, dass immer mehr hochqualifizierte und gut bezahlte Beschäftigte über einen Umzug nachdenken.

Seit 2020 hat sich die Zahl der Suchanfragen nach Jobangeboten im Ausland mehr als verdoppelt. Unter den Befragten mit einem Nettohaushaltseinkommen von mindestens 6.000 Euro haben 54 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten bereits eine Stelle im Ausland gesucht oder Möglichkeiten auf dem internationalen Arbeitsmarkt geprüft, schreibt Euronews.

Die wichtigsten Gründe sind ein höheres Einkommen und eine bessere Lebensqualität. Beides nannten jeweils rund 51 Prozent der Befragten. Etwa 42 Prozent suchen außerdem ein angenehmeres Klima oder niedrigere Steuern und Sozialabgaben. Bessere Aufstiegsmöglichkeiten sind nur für 24 Prozent wichtig.

Ein großer Teil der Unzufriedenheit hängt mit der Belastung von Arbeit zusammen. Von jeweils 100 Euro Arbeitskosten, die ein Arbeitgeber für einen durchschnittlichen alleinstehenden Beschäftigten aufwendet, behält dieser in Deutschland 50,70 Euro netto. Der Rest entfällt auf Einkommensteuer sowie Sozialbeiträge von Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

Ganze 70 Prozent der Befragten sind deshalb der Meinung, dass die Steuerbelastung zu hoch ist und sich zusätzliche Anstrengung bei der Arbeit finanziell nicht ausreichend lohnt.

Wohin Deutsche, Franzosen und Reiche ziehen

Für Deutsche sind nach der Indeed-Umfrage weiterhin die USA am interessantesten. Sie machen 14,4 Prozent der Suchanfragen nach Arbeitsplätzen im Ausland aus. Das Interesse an ihnen ging innerhalb eines Jahres allerdings um 34 Prozent zurück.

Es folgen das Vereinigte Königreich und die Schweiz mit jeweils 13,6 Prozent Anteil. Immer attraktiver werden auch die Vereinigten Arabischen Emirate, Indien und Australien.

Die Reichsten zieht es vor allem in Länder, die besondere Regelungen für sie einführen:

  • Die Vereinigten Arabischen Emirate erheben keine Einkommensteuer für natürliche Personen.
  • Italien bietet vermögenden ausländischen Einwohnern eine Pauschalsteuer auf Auslandseinkünfte.
  • Die Schweiz ermöglicht bestimmten vermögenden Ausländern günstige individuelle Steuervereinbarungen.
  • Monaco bleibt wegen des Fehlens einer Einkommensteuer eines der beliebtesten europäischen Ziele, wobei französische Staatsbürger eine Ausnahme bilden.
  • Portugal zog mit seinem Regime für Nichtansässige Tausende vermögende Ausländer an, auch wenn die Vorteile in den vergangenen Jahren verringert wurden.

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