Das Ländle wählt: Wohin steuert das Autoland Baden-Württemberg?

Am 8. März entscheidet sich, welche Wirtschaftspolitik im Südwesten künftig gelten soll. Die Konzepte der Parteien reichen von staatlicher Intervention bis zu wirtschaftsliberaler Entlastung. Ein Überblick.
Das Ländle wählt: Wohin steuert das Autoland Baden-Württemberg?

Landtagswahl in Baden-Württemberg 2026: Was die Parteien planen

Baden-Württemberg gilt als industrielles Kraftzentrum der Republik. Fast jeder dritte Euro wird hier im industriellen Sektor verdient, und die Exportquote liegt seit Jahren über dem Bundesdurchschnitt. Das liegt auch am Automobilsektor, der die Wertschöpfung, die Beschäftigung und die Identität im Ländle über Jahrzehnte geprägt hat. Entsprechend groß dürfte die Signalwirkung der Landtagswahl am 8. März 2026 sein.

„Cem Özdemir wirft alles rein, was er hat“

An diesem Tag will Cem Özdemir, Spitzenkandidat der Grünen, Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden und Winfried Kretschmann, seit 15 Jahren im Amt und bislang einziger grüner Regierungschef eines Flächenlandes, abgelösen. Zuletzt stiegen die Grünen laut Infratest von 20 auf 23 Prozent. Bei Insa erreichten sie 21 Prozent. Die CDU verharrt derweil bei knapp 30 Prozent. Der Vorsprung der Christdemokraten ist zwar immer noch deutlich, jedoch auf rund sechs Prozentpunkte geschrumpft.

Das Handelsblatt schreibt, Özdemir werfe im Wahlkampf „alles rein, was er an Erfahrung hat oder danach klingt“ – Bundesminister, Parteivorsitzender, Europaabgeordneter und Aufsteiger aus einem migrantisch geprägten Arbeitermilieu. Sein Ziel sei es, die Wahl „einzig und allein auf einen Zweikampf“ mit CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel zuzuspitzen. Bislang las sich Özdemirs Kalkül nachvollziehbar: Der 60-Jährige muss die Christdemokraten in den Umfragen überholen, dann sitzt im Stuttgarter Landtag wieder eine grün-schwarze Koalition statt einer schwarz-grünen unter dem 37-jährigen Hagel. Doch so einfach ist die Lage nicht mehr.

Mit der „Schwampel“ durch den Wahlkampf

„Im Ländle bahnt sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen an“, glaubt Michael Wehner, Politikwissenschaftler bei der Landeszentrale für politische Bildung, im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Özdemir versucht derzeit, das Rennen zu seinen Gunsten zu entscheiden, indem er vor einer Deutschlandkoalition aus CDU, SPD und FDP warnt und dafür den Begriff „Schwampel“ nutzt, also eine schwarze Ampel, in Anspielung auf die gescheiterte Ampel im Bund, die Baden-Württemberg blockieren würde. Ob eine solche Dreierkonstellation realistisch ist, hängt allerdings stark von den übrigen Parteien ab. Die SPD liegt in den Umfragen im einstelligen Bereich, die FDP unterhalb der Fünfprozenthürde. Die AfD liegt derzeit bei 20 Prozent, die Linke bei 7 Prozent. Damit bleibt eine Deutschlandkoalition zwar arithmetisch möglich, politisch jedoch nur unter engen Voraussetzungen denkbar.

Wirtschaft als Topthema

So sehr sich der Wahlkampf um Zweikampf-Inszenierungen und mögliche Koalitionsszenarien dreht – die eigentliche Bewährungsprobe liegt anderswo: Wie der Rest der Republik steckt auch Baden-Württemberg in einem tiefgreifenden wirtschaftlichen Umbruch. Der einstige Wohlstandsanker des Landes, die Automobilindustrie, baut Zehntausende Stellen ab. Zulieferer kämpfen mit wegbrechenden Aufträgen, stornierten Investitionsentscheidungen oder schlimmer, mit Insolvenzen.

Entscheidend dürfte deshalb an den Wahlurnen werden, wessen wirtschaftspolitisches Konzept die Wählerinnen und Wähler letztlich präferieren, um auf diesen Strukturwandel zu reagieren. Ist es das der Grünen, der CDU, der SPD, der FDP, der Linken oder gar der AfD?

„Wirtschaft ist das Topthema, und Wirtschaftskompetenz wird eher der CDU zugeschrieben“, glaubt Politikwissenschaftler Wehner. Damit rückt letzten Endes doch die eigentliche Frage dieses Wahlkampfes in den Mittelpunkt: Welche Partei hat ein schlüssiges Konzept für den Industriestandort im Südwesten; für Energiepreise, für Bürokratieabbau, für Technologieförderung und für die Zukunft der Automobilcluster rund um Stuttgart, Neckarsulm und Sindelfingen?

Grüne: Elektromobilität, KI und klimaneutrale Industrie

Im Zentrum des Wahlprogramms der Grünen steht die wirtschaftliche Transformation. Das Kapitel „Land der Möglichkeiten“ eröffnet mit dem Anspruch, den Standort „auf eine neue Grundlage“ zu stellen. Cem Özdemir formuliert in seinem Vorwort, Baden-Württemberg müsse „das deutsche Zentrum einer neuen Gründerzeit“ werden und setzt dafür auf Technologien wie Robotik, Künstliche Intelligenz, Wasserstoffwirtschaft und Quantentechnologie.

Besonders klar positionieren sich die Grünen beim Automobil: „Die Zukunft des Autos ist elektrisch“, heißt es programmatisch. Baden-Württemberg solle „zum Spitzenreiter der Elektromobilität“ werden, durch Ausbau der Ladeinfrastruktur, Förderung von Batterietechnologien und stärkere europäische Kooperation. Klimaschutz wird dabei als wirtschaftliche Notwendigkeit grüner Industriepolitik verstanden.

Gleichzeitig betont das Programm, Energiekosten müssten für Unternehmen „so günstig wie möglich“ gestaltet werden, um Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Finanzpolitisch setzen die Grünen auf Investitionen mit „Weitblick“, ohne explizit eine Lockerung der Schuldenbremse auf Landesebene zu fordern, wohl aber mit dem klaren Bekenntnis zu einem aktiven, gestaltenden Staat.

CDU: Entfesselung, Wachstum und industrielle Kernkompetenz

Die CDU stellt ihr Programm unter den Titel „Agenda der Zuversicht“. Wirtschaftswachstum ist das zentrale Leitmotiv. Man wolle „Vorfahrt für Wirtschaft, Wachstum und Arbeit“ schaffen. Im Kapitel „Wohlstandsland Baden-Württemberg“ betont die CDU den industriellen Kern aus Automobil, Maschinenbau, Medizintechnik, Robotik und Künstlicher Intelligenz. Das Ziel sei es, Baden-Württemberg bis 2036 zur „stärksten Innovationsregion Europas“ zu machen.

Anders als die Grünen setzt die CDU stärker auf regulatorische Entlastung. Sie spricht von „Entfesselung statt Regulierung“, fordert weniger Bürokratie, schnellere Genehmigungen und sichere Energieversorgung. Zugleich planen die Christdemokraten eine strukturelle Konsolidierung des Staatsapparates. Laut Beschlusslage sollen innerhalb von fünf Jahren zehn Prozent der Verwaltungsbeamtenstellen durch Nichtnachbesetzung abgebaut werden. In der Automobilpolitik betont die CDU Technologieoffenheit und Wettbewerbsfähigkeit, ohne sich explizit gegen den europäischen Transformationspfad zu stellen.

SPD: Staatliche Unterstützung nur gegen Standortgarantien

Angeführt wird die SPD Baden-Württemberg vom 56-jährigen Landesvorsitzenden Andreas Stoch. Mit ihm verbindet die Partei ihren Anspruch, wirtschaftliche Modernisierung und soziale Absicherung zusammenzudenken. Entsprechend stellt sie ihr Programm unter das Motto „Weil es um dich geht“. Wirtschaftspolitik wird deutlich arbeitsmarktzentriert gedacht. In Kapitel zwei heißt es, staatliche Unterstützung für Unternehmen dürfe es nur bei „gleichzeitiger Garantie von Standorten und Arbeitsplätzen“ geben. Damit positioniert sich die SPD gegen eine Förderpolitik ohne Beschäftigungssicherung.

Zugleich fordert sie eine „Innovations-Offensive“, um Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität zu steigern, insbesondere in Feldern wie Batteriezellforschung, Künstliche Intelligenz und Technologietransfer. Anders als CDU und Grüne betont die SPD stärker die soziale Abfederung der Transformation. Die wirtschaftliche Transformation dürfe nicht „einseitig auf dem Rücken der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ausgetragen“ werden.

Konkret bedeutet das: Landeszuschüsse, Bürgschaften oder Transformationshilfen sollen an verbindliche Standort- und Beschäftigungszusagen geknüpft werden. Unternehmen, die öffentliche Mittel erhalten, müssten demnach Wertschöpfung und Arbeitsplätze im Land sichern. Haushaltspolitisch signalisiert die SPD damit eine aktive Industriepolitik, bei der staatliche Eingriffe nicht ausgeschlossen, sondern an klare soziale Bedingungen gebunden werden.

Die Linke: Vergesellschaftung und Vermögensteuer

Die Linke stellt ihr Wahlprogramm unter das Leitmotiv „Menschen statt Profite“ und verbindet soziale Umverteilung mit einem tiefgreifenden Umbau der Wirtschaftsstruktur. Zentral ist die Forderung nach einer stärkeren Besteuerung großer Vermögen, um öffentliche Investitionen zu finanzieren. Eine Studie vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), auf die sich die Partei bezieht, beziffert die möglichen Erlöse einer Vermögensteuer für Baden-Württemberg auf rund 14,5 Milliarden Euro jährlich.

Industriepolitisch setzt die Partei, die mit dem Spitzentrio Kim Sophie Bohnen, Amelie Vollmer und Mersedeh Ghazaei in den Wahlkampf zieht, auf eine „sozial-ökologische Transformation der Automobilindustrie“. Arbeitsplätze sollen gesichert, Mitbestimmung ausgeweitet und die Branche schrittweise zu einer nachhaltigen Mobilitätsindustrie umgebaut werden. Eine Ausweitung der Rüstungsproduktion als industriepolitische Antwort lehnt die Partei ab.

Darüber hinaus fordert sie die Rekommunalisierung zentraler Bereiche der Daseinsvorsorge, von Krankenhäusern bis zu großen Wohnungsunternehmen, und plädiert für eine stärkere öffentliche Steuerung wirtschaftlicher Schlüsselbereiche. Großunternehmen mit mehr als 3.000 Wohnungen sollen in Gemeineigentum überführt werden, Banken und Konzerne perspektivisch ebenfalls.

FDP: Mittelstand entfesseln, Bürokratie zurückschneiden

Die Freien Demokraten stellen ihre wirtschaftspolitischen Vorhaben für Baden-Württemberg unter die Überschrift „Mittelstand entfesseln – Vorsprung durch Innovationen ermöglichen“. Spitzenkandidat ist der FDP-Landesvorsitzende Hans-Ulrich Rülke. Er hat für den Fall einer Regierungsbeteiligung eine umfassende Verwaltungsreform angekündigt, bei der innerhalb von zehn Jahren bis zu 9.000 Beamtenstellen in Baden-Württemberg wegfallen sollen, das entspricht rund 20 Prozent der Stellen in den mittleren Verwaltungsebenen. Rülke begründet den geplanten Personalabbau unter anderem mit mehr Digitalisierung und einer Verlagerung von Kompetenzen auf kommunale Ebenen.

Im Zentrum des wirtschaftspolitischen Konzepts steht der Mittelstand, den die Liberalen als „Rückgrat unserer Wirtschaft“ bezeichnen. Familiengeführte Unternehmen und Hidden Champions sollen sich „wieder auf ihr Geschäft konzentrieren“ können, mit einem Staat, „der nicht dazwischenfunkt und bremst, sondern verlässliche Rahmenbedingungen setzt“.

Unter dem Leitmotiv „Fortschritt statt Vorschrift“ kündigt die FDP an, überbordende Berichtspflichten zu streichen, Gesetze systematisch auf Belastungen zu prüfen und Förderprogramme zu vereinfachen. So sollen Unternehmen mit weniger als 20 Beschäftigten von statistischen Meldepflichten befreit werden.

In der Klimapolitik setzen die Liberalen auf marktwirtschaftliche Instrumente. Statt landesspezifischer Sonderziele fordern sie eine Orientierung am europäischen Emissionshandel und plädieren für Klimaneutralität bis 2050, nicht 2040. Dazu sollen Technologien wie Carbon Capture and Storage (CCS) ermöglicht werden, um Industriearbeitsplätze zu sichern. Auch in der Automobilpolitik gibt sich die FDP technologieoffen. Sie will den Standort Baden-Württemberg stärken, wirbt für e-Fuels und fordert, den Automobilsektor nicht durch zusätzliche Landesvorgaben zu belasten. Haushaltspolitisch betonen die Liberalen solide Staatsfinanzen und einen „zurückhaltenden und zuverlässigen Partner“ für Wirtschaft und Kommunen.

AfD: Maga, Moskau und die „Buy BW“-Strategie

Die AfD stellt in ihrem Programm die Automobilindustrie in den Mittelpunkt und verspricht, diese mit ihrem „9-Punkte-Sofortprogramm” zu „retten“. Kernstück dafür ist ein sogenanntes „Buy BW“-Programm. Dieses soll öffentliche Stellen dazu verpflichten, Fahrzeuge ausschließlich aus baden-württembergischer Produktion zu beschaffen. Zugleich fordert die Partei eine Reduzierung der Energiepreise, eine Abkehr von als „drakonisch“ bezeichneter Regulierung sowie eine grundsätzliche Kritik an EU-Vorgaben.

Wirtschaftspolitisch verbindet die Partei damit einen protektionistischen Ansatz mit Kritik an europäischer Regulierung und internationaler Klimapolitik. Der Schutz des heimischen Produktionsstandorts steht im Zentrum, selbst wenn dafür bestehende europäische Wettbewerbsregeln geändert werden müssten.

Spitzenkandidat der AfD ist der Bundestagsabgeordnete Markus Frohnmaier. Der 34-Jährige kandidiert nicht für ein Landtagsmandat, sondern strebt ausschließlich das Amt des Ministerpräsidenten an. Der Landesverband Baden-Württemberg, dessen Co-Vorsitzender Frohnmaier ist, wird vom Landesamt für Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft.

Der SWR berichtet zudem über Frohnmaiers außenpolitische Kontakte. Ihm werden enge Verbindungen nach Moskau zugeschrieben, zudem gilt er als außenpolitischer Sprecher seiner Fraktion als russlandnah. Im vergangenen Herbst verschob er zwar eine geplante Russlandreise, schloss einen späteren Austausch jedoch nicht aus. Im Dezember reiste Frohnmaier in die USA und wurde dort vom „Young Republican Club“ ausgezeichnet, einer Organisation aus dem Umfeld der Trump-nahen MAGA-Bewegung.

Landtagswahl Baden-Württemberg: Das neue Wahlrecht

Unabhängig von den inhaltlichen Unterschieden der Parteien gilt bei dieser Landtagswahl erstmals ein neues Wahlrecht. Die Wählerinnen und Wähler verfügen erstmals über zwei Stimmen, eine für eine Kandidatin oder einen Kandidaten im Wahlkreis und eine für die Landesliste einer Partei. Zudem wurde das Wahlalter auf 16 Jahre abgesenkt.

Mit der Reform soll das Verfahren transparenter und die Sitzverteilung nachvollziehbarer werden. Wie sich das neue System auf die Größe und Zusammensetzung des Landtags auswirkt, wird sich jedoch erst nach dem Wahltag zeigen.

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