Geopolitische Risiken könnten die Inflation steigen lassen!?

Der aktuelle Neuwirth Finance Zinskommentar


Während sich die Inflationsraten im Euroraum zuletzt merklich abgeschwächt haben, warnt die Deutsche Bundesbank vor neuerlicher Selbstzufriedenheit. Ihr Präsident Joachim Nagel sieht erhebliche Risiken, die den Preisauftrieb mittelfristig wieder verstärken könnten. Im Zentrum seiner Argumentation steht die zunehmende geopolitische Rivalität zwischen großen Wirtschaftsräumen. Die kürzliche Androhung eines „globalen“ Zolls der USA in Höhe von 15 Prozent bestätigt diese These. Erfahren Sie in der heutigen Ausgabe des Zinskommentars, welche strukturellen Faktoren in der Inflationsentwicklung eine Rolle spielen und welche geldpolitischen Mittel zur Verfügung stehen, um diese zu bekämpfen.

Geopolitische Risiken könnten die Inflation steigen lassen!?

Ein Blick auf die globalen Rahmenbedingungen verdeutlicht die Problematik: Handelskonflikte, Sanktionen und eine stärkere Fragmentierung der Weltwirtschaft könnten Lieferketten verteuern und Produktionskosten erhöhen. Insbesondere eine strategische Entkopplung wichtiger Wirtschaftsräume würde Effizienzverluste mit sich bringen – mit direkten Auswirkungen auf Energie-, Rohstoff- und Importpreise. Die Folge: zusätzlicher Inflationsdruck.

Auch strukturelle Anpassungen in der Industriepolitik könnten preistreibend wirken. Der Trend zu mehr nationaler Resilienz und strategischer Autonomie mag politisch gewollt sein, ist jedoch häufig mit höheren Kosten verbunden. Diese könnten perspektivisch an Verbraucher und Unternehmen weitergegeben werden.

Vor diesem Hintergrund mahnt Nagel geldpolitische Wachsamkeit an. Die Europäische Zentralbank dürfe sich nicht allein von kurzfristigen Inflationsrückgängen leiten lassen. Entscheidend sei, dass sich die Preisentwicklung dauerhaft am Stabilitätsziel ausrichte und mögliche Zweitrundeneffekte frühzeitig erkannt würden.

Damit zeichnet sich ein differenziertes Bild: Zwar hat sich der akute Inflationsdruck abgeschwächt, doch die globalen Verschiebungen bergen neues Eskalationspotenzial. Für die Geldpolitik bedeutet das vorerst Zurückhaltung und die Bereitschaft, auf geopolitisch bedingte Preisschübe entschlossen zu reagieren.

Reagieren bedeutet jedoch, wie auch sonst, die Nutzung der klassischen geldpolitischen Instrumente, etwa die Anpassung der Leitzinsen oder Forward Guidance. Das hilft allerdings nur bedingt, da die Geldpolitik die Inflationsentwicklung insbesondere über die Steuerung der Nachfrage beeinflusst. Auf Angebotsschocks, wie z. B. durch Handelskonflikte, hat sie hingegen nur begrenzten Handlungsspielraum. Strafzölle werden in der Regel direkt an die Verbraucher weitergeleitet, ohne dass die Nachfrage überhaupt Einfluss auf die Preisentwicklung nehmen kann – und damit auch nicht die Geldpolitik.

Je unabhängiger ein Land ist, desto weniger stark fällt dieses Problem ins Gewicht. Noch sind die globalen Verflechtungen zu groß, als dass eine (Groß-)Macht Ungleichgewichte für sich nutzen kann. Doch es hat bereits ein schleichender Prozess des „Decouplings“ begonnen, der schon jetzt die Inflation antreiben dürfte. Freier Handel sorgt für stabile Preise bzw. macht die Inflationssteuerung einfacher. Alles andere macht sie schwieriger.

Schreibe einen Kommentar