Als Lars Klingbeil Mitte Februar zum Treffen der EU-Finanzminister nach Brüssel reiste, war klar, dass es nicht nur um Konjunkturprognosen und Haushaltsfragen gehen würde. Denn weit oben auf der Tagesordnung stand der digitale Euro.
Am Rande der Beratungen sagte der Bundesfinanzminister (SPD) laut n-tv, wer in der aktuellen Lage nicht erkenne, dass der digitale Euro „so schnell wie möglich“ vorangebracht werden müsse, schade Europa. Klingbeil verwies dabei auf die strategische Bedeutung des Projekts für die „monetäre Souveränität“ der Europäischen Union.
Europas Zahlungsverkehr in US-Hand
Mal eben Freunden Geld schicken, den Mietwagen im Urlaub mit der Kreditkarte bezahlen oder im Supermarkt kontaktlos mit dem Smartphone zahlen. Für viele ist das selbstverständlich geworden, technisch jedoch laufen große Teile dieser Zahlungen über US-Systeme.
Dienste wie PayPal dominieren den Online-Kauf und das Versenden von Geld an Freunde oder Familie. Bei physischen Zahlungen sind Kreditkarten von Visa oder Mastercard etabliert. Nach Angaben der Europäischen Zentralbank (EZB) entfallen rund 64 Prozent aller Kartenzahlungen im Euroraum auf diese US-Kartensysteme. Bei grenzüberschreitenden Transaktionen liegt der Anteil noch höher, da in 13 der 20 Euro-Länder kein eigenes nationales Kartensystem existiert.
Peter Norwood, Senior Research and Advocacy Officer bei der Brüsseler NGO Finance Watch, sagte gegenüber Euronews, dies verschaffe ausländischen Akteuren „einen bedeutenden Einfluss auf das tägliche Funktionieren der europäischen Wirtschaft“. EZB-Direktoriumsmitglied Piero Cipollone wies in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ auf Fälle hin, in denen von den USA sanktionierte Personen in Europa de facto keinen Zugang mehr zu bestimmten Kartensystemen hatten.
Der ehrgeizige Fahrplan der Währungshüter
Bereits im Dezember 2025 zogen die Staats- und Regierungschefs im EU-Rat ihre Linien zum digitalen Euro. Anfang Februar 2026 folgte das EU-Parlament in Straßburg mit deutlicher Mehrheit. 443 von 631 Abgeordneten unterstützten in einem Prüfbericht grundsätzlich die Einführung. Über das eigentliche Gesetzespaket soll im Mai abgestimmt werden.
Während in Brüssel weiter über die Ausgestaltung des Rechtsrahmens beraten wird, treibt die EZB parallel die technischen Vorbereitungen voran. Der EZB-Rat beschloss im Oktober 2025 den Übergang in die nächste Projektphase. Nach Informationen des Handelsblatts könnte 2027 ein Pilotprojekt starten. Eine Einführung des digitalen Euro wäre frühestens 2029 möglich, sofern das entsprechende EU-Gesetz 2026 in Kraft tritt.
Burkhard Balz, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank, bestätigte diesen Zeitkorridor Mitte Januar in einem Interview mit der Lebensmittelzeitung. Verbraucher könnten „vermutlich im Jahr 2029 im Supermarkt erstmals mit dem digitalen Euro bezahlen“.
Wie der digitale Euro im Alltag funktionieren soll
Eine eigene Kreditkarte der EZB wird es nicht geben. Der digitale Euro soll vielmehr als zusätzliche Zahlungsoption in das bestehende System eingebunden werden. Nutzer könnten ihn über die bestehenden Bank-Apps oder über eine von der EZB bereitgestellte App verwenden.
Vorgesehen ist eine Online-Variante für die alltäglichen Zahlungen sowie eine Offline-Version für Fälle ohne Internetverbindung. Wie EZB-Direktor Cipollone gegenüber Euronews erklärte, würden bei Offline-Zahlungen ausschließlich die beiden beteiligten Parteien Kenntnis von den Transaktionsdaten erhalten.
Diskutiert wird zudem ein Haltelimit von 3.000 Euro pro Person. Beträge oberhalb dieser Schwelle würden automatisch auf ein hinterlegtes Bankkonto übertragen. Der digitale Euro soll nicht verzinst werden. Damit soll verhindert werden, dass größere Einlagen aus dem Bankensystem in das digitale Zentralbankgeld verlagert werden.
Integration ins bestehende Zahlungssystem
Die EZB würde die technische Infrastruktur bereitstellen, gewissermaßen die Autobahn des Systems. Banken und Zahlungsdienstleister könnten darauf ihre eigenen Angebote aufsetzen. Beim Online-Shopping stünde der digitale Euro neben Kreditkarte, PayPal oder Überweisung zur Auswahl. Die Abwicklung würde weiterhin über die bestehenden Institute erfolgen, allerdings auf Basis einer europäischen Infrastruktur.
Der entscheidende Unterschied zum heutigen digitalen Bezahlen liegt im rechtlichen Status des Geldes. Wer mit einer Kreditkarte oder über einen Zahlungsdienstleister zahlt, nutzt Bankengeld, also Einlagen bei privaten Instituten. Der digitale Euro wäre dagegen eine direkte Forderung gegenüber der Zentralbank. Er würde staatliches Geld erstmals auch im digitalen Raum unmittelbar verfügbar machen.
Wer zahlt die Rechnung? Die Kostenfrage im Handel
Für Händler wäre ein digitaler Euro vor allem betriebswirtschaftlich interessant. Laut Co-Pierre Georg, Professor an der Frankfurt School of Finance & Management, betragen die Kosten für Kreditkartentransaktionen im Durchschnitt rund 1,1 Prozent des Umsatzes. Bei schmalen Margen kann das spürbar sein.
Burkhard Balz sagte im Interview mit der „Lebensmittel Zeitung“, Zahlungen mit dem digitalen Euro sollten „für den Handel deutlich günstiger werden“, da die Infrastruktur vom Eurosystem bereitgestellt werde. Die Transaktionskosten könnten damit sinken.
Doch ganz ohne Kosten wird auch der digitale Euro nicht auskommen. Die EZB beziffert die Implementierungskosten für Banken auf bis zu 5,8 Milliarden Euro. Im Einzelhandel wächst zudem die Sorge, dass die Infrastruktur- und Umstellungskosten am Ende doch bei den Unternehmen landen könnten.
Banken und Politiker warnen vor Nebenwirkungen
Vor allem deutsche Banken wie der Sparkassenverband stehen dem Projekt kritisch gegenüber und verweisen auf hohe Integrationskosten sowie das Risiko von Einlagenabflüssen. Sie befürchten, dass Kunden in Krisenzeiten größere Beträge in digitales Zentralbankgeld umschichten könnten, also Guthaben bei Geschäftsbanken in eine direkte Forderung gegenüber der EZB umwandeln könnten.
Fernando Navarrete, spanischer Europaabgeordneter der Europäischen Volkspartei und Berichterstatter für das Dossier im EU-Parlament, plädierte laut Euronews dafür, den Anwendungsbereich des digitalen Euro klar zu begrenzen. Peter Bofinger, ehemaliges Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, äußerte gegenüber dem „Handelsblatt“ Zweifel, ob tatsächlich ein Marktversagen vorliegt, das einen derart weitreichenden staatlichen Eingriff rechtfertigt.
Der globale Wettlauf um digitales Zentralbankgeld
International ist die Entwicklung bereits weiter fortgeschritten. Laut Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) beschäftigen sich rund 91 Prozent aller Zentralbanken weltweit mit digitalen Zentralbankwährungen.
China testet seinen digitalen Yuan seit Ende 2019 in inzwischen 26 Regionen, darunter die Technologiehochburg Shenzhen und die Finanzmetropole Shanghai. Bis Ende 2024 wurden dort rund 200 Millionen digitale Geldbörsen registriert und ein Transaktionsvolumen von 9,4 Billionen Yuan erzielt, was etwa 1,2 Billionen Euro entspricht.
Für die Eurozone steht ebenfalls mehr als eine technische Erweiterung des Zahlungsangebots auf dem Spiel. Der Euro ist nach dem US-Dollar die zweitwichtigste Reservewährung der Welt und gewinnt vor dem Hintergrund der anhaltenden Dollar-Abwertung und der veränderten US-Handelspolitik erneut an strategischem Gewicht. Wenn die EZB im digitalen Raum eine eigene Infrastruktur bereitstellt, verändert das die Struktur des Zahlungsverkehrs im Binnenmarkt – und potenziell auch die Stellung des Euro im internationalen Währungssystem.
Hinzu kommt, dass in einer Phase zunehmender geopolitischer Spannungen, nicht zuletzt mit Blick auf eine mögliche erneute Präsidentschaft Donald Trumps, die Frage nach finanzieller Souveränität an Gewicht gewinnt.
