Seit dem iranischen Gegenschlag auf israelische und amerikanische Streitkräfte Ende Februar 2026 haben sich die Energiepreise in Europa verdoppelt – und die Europäische Zentralbank (EZB) steht vor einem geldpolitischen Dilemma, das böse Erinnerungen aus der Zeit der Ölkrise der 1970er-Jahre weckt. Erfahren Sie in der heutigen Ausgabe des Zinskommentars, warum Christine Lagarde vor kaum lösbaren Herausforderungen steht.
Irankonflikt: Das Schreckgespenst Stagflation macht seine Runde
Innerhalb weniger Tage schossen die Rohölpreise von rund 70 auf über 83 Dollar pro Barrel, in der Spitze sogar auf 120 Dollar. Der Auslöser ist geografisch eindeutig: Die Straße von Hormus, durch die rund ein Fünftel der globalen Öltransporte täglich passiert, wurde durch den Iran blockiert. Rund 500 Öl- und Gastanker stecken seither fest, kein einziger Tanker durchquerte die Meerenge in der zweiten Kriegswoche. Folglich haben sich Europas Gaspreise auf über 50 Euro je Megawattstunde verdoppelt.
Für die EZB bedeutet das: steigende Inflation und gleichzeitig einbrechendes Wachstum, also ein klassisches Stagflationsszenario. Am 19. März beließ die EZB den Leitzins bei 2,0 Prozent, bereits die sechste Pause in Folge. Gleichzeitig korrigierte sie ihre Inflationsprognose für 2026 von 1,9 auf 2,6 Prozent nach oben und senkte die Wachstumserwartung von 1,2 auf 0,9 Prozent. In einem Stressszenario mit anhaltender Blockade der Straße von Hormus könnte die Inflation laut EZB-Stab sogar 3,5 bis 4,4 Prozent erreichen.
Die EZB erhöht die Zinsen also nicht, obwohl die Inflation anzieht. Und sie senkt sie nicht, obwohl die Wirtschaft schwächelt. Sie tut schlicht nichts. Das erinnert fatal an jene Phase nach 2021, als Notenbanken weltweit zu lange zögerten und die Inflation davonlaufen ließen.
Laut Berenberg-Ökonom Felix Schmidt sei es bei längerfristig hohen Energiepreisen schwierig, den Zins anzuheben, da das Wirtschaftswachstum in der Eurozone möglicherweise zum Erliegen kommen könnte. Im EZB-Rat herrscht Uneinigkeit: Die nordeuropäischen Mitglieder, allen voran Deutschland und die Niederlande, fordern höhere Zinsen. Die südeuropäischen Vertreter hingegen priorisieren den Schutz der Konjunktur.
Vielleicht kalkuliert Lagarde auch ein, dass ein Kriegsende die Energiepreise rasch normalisieren würde und voreilige Zinsschritte dann schmerzhaft rückgängig gemacht werden müssten. Doch dieses Abwarten hat seinen Preis: Die Märkte preisen für dieses Jahr bereits eine oder zwei Anhebungen um je einen Viertelpunkt ein. Die EZB verliert die Kontrolle über die Erwartungen.
Steigende Energie- und Lebensmittelpreise bei gleichzeitig stagnierender Industrieproduktion. Europa kennt dieses Bild. Bundesbankpräsident Nagel hat bereits signalisiert, dass der EZB-Rat „rechtzeitig und entschlossen handeln“ werde, sollten die Energiepreise zu breiter Inflation führen. Doch „rechtzeitig“ ist relativ und in der Geldpolitik kommt Entschlossenheit bekanntlich immer zu früh oder zu spät, selten genau richtig.
Weltweit zeigt sich das gleiche Muster: Notenbanker fürchten die Rezession mehr als die Inflation und zögern deshalb zu lange. Die EZB droht, diesen Fehler zu wiederholen. Diesmal unter den Bedingungen eines Krieges, dessen Ende niemand vorhersagen kann.

