Anthropic prüft Milliardenrunde für mehr Rechenleistung
Der Entwickler des KI-Modells Claude hat von Investoren Angebote erhalten, die den Marktwert von Anthropic auf fast eine Billion Dollar, umgerechnet rund 850 Milliarden Euro, steigen lassen könnten. Gelingt die Kapitalaufnahme, würde Anthropic seinen wichtigsten Konkurrenten OpenAI beim Marktwert überholen. Das berichten die DWN-Kollegen vom estnischen Partnerportal Äripäev.
Anthropic prüft in diesem Sommer die Aufnahme von mehreren zehn Milliarden Dollar, um den massiven Ausbau seiner Rechenleistung zu finanzieren, schreibt die Financial Times. Noch im Februar wurde der Wert des Unternehmens auf 380 Milliarden Dollar geschätzt, umgerechnet rund 323 Milliarden Euro. Inzwischen zählen Großinvestoren wie Dragoneer, General Catalyst und Lightspeed Venture Partners zu den Interessenten. Ihr Interesse ist durch den explosionsartig wachsenden Umsatz von Anthropic deutlich gestiegen.
Nach Einschätzung dieser Großinvestoren dürfte der annualisierte Umsatz von Anthropic auf Basis der vergangenen Wochen bald 45 Milliarden Dollar überschreiten, umgerechnet rund 38,3 Milliarden Euro. Das wäre eine Verfünffachung gegenüber den neun Milliarden Dollar, umgerechnet rund 7,7 Milliarden Euro, zum Ende des vergangenen Jahres. „Menschen sind bereit, beliebige Summen in Anthropic zu investieren. Die Frage ist nur, wann das Unternehmen dafür bereit ist“, sagte ein Investor des Unternehmens.
Anthropic könnte OpenAI beim Marktwert überholen
Vor der neuen Finanzierungsrunde, also auf Pre-Money-Basis, soll der Wert von Anthropic auf etwa 900 Milliarden Dollar steigen, umgerechnet rund 765 Milliarden Euro. Die Runde könnte dem Unternehmen bis zu 50 Milliarden Dollar einbringen, also rund 42,5 Milliarden Euro. Zum Vergleich: OpenAI wurde im März nach einer rekordhohen Finanzierungsrunde mit 852 Milliarden Dollar bewertet, umgerechnet rund 724 Milliarden Euro.
Die Financial Times schreibt, dass Großinvestoren offenbar mit hohem Tempo Positionen aufbauen wollen, um sich noch vor einem möglichen Börsengang am Jahresende Anteile zu sichern. Obwohl Anthropics Finanzchef Krishna Rao mit Investoren gesprochen hat, wurden die Bedingungen noch nicht vereinbart. Auch das Zustandekommen der Transaktion ist nicht sicher. Das Interesse ist jedoch so groß, dass bestehende Unterstützer bereits vorab eine Beteiligung an der neuen Runde verlangen. Angesichts des Umfangs der Transaktion und des Plans, ein börsennotiertes Unternehmen zu werden, dürfte Anthropic wahrscheinlich Partner bevorzugen, die Erfahrung mit öffentlichen und privaten Investitionen haben.
Anthropic setzt auf Claude Code und neue KI-Modelle
Der Wettbewerb verschärft sich. Das an Softwareentwickler gerichtete Werkzeug Claude Code und das für normale Nutzer gedachte Cowork sind in den vergangenen Monaten ausgesprochen populär geworden. Sie halfen Anthropic, insbesondere bei Geschäftskunden zu OpenAI aufzuschließen. Das neue Kapital soll jedoch vor allem den raschen Ausbau der Rechenleistung finanzieren. Der Bedarf an Rechenkapazität dürfte weiter steigen, sobald das neue leistungsstarke KI-Modell Mythos breiter verfügbar wird. Derzeit steht es nur einer kleinen Gruppe von Partnern offen.
Anthropic hat in den vergangenen zwei Monaten Verträge mit Elon Musks SpaceXAI, Google, Broadcom und AWS geschlossen, um sich langfristig Rechenkapazität zu sichern. Diese Vereinbarungen werden die Kosten des Unternehmens in den kommenden Jahren um Hunderte Milliarden Dollar erhöhen. Umgerechnet entspricht dies Hunderte Milliarden Euro, je nach tatsächlichem Vertragsvolumen.
OpenAI begann bereits früher mit dem Ausbau der Kapazitäten in Rechenzentren und schloss entsprechende Verträge im vergangenen Herbst. OpenAI-Präsident Greg Brockman sagte am Dienstag im Zuge eines von Elon Musk angestoßenen Gerichtsverfahrens, das Unternehmen werde in diesem Jahr 50 Milliarden Dollar für Rechenressourcen ausgeben. Das entspricht rund 42,5 Milliarden Euro.
Wer also künftig Zugang zu leistungsfähigen KI-Modellen, Rechenzentren und Unternehmensanwendungen kontrolliert, beeinflusst zentrale Teile der digitalen Wertschöpfung. Für die deutsche Industrie, den Mittelstand und wissensintensive Dienstleister wird entscheidend, ob sie Anthropic, OpenAI und andere Anbieter nur als externe Infrastruktur nutzen oder eigene Kompetenzen, Datenbestände und Partnerschaften aufbauen.
