Vermögenssteuer: Als die Mittelschicht noch Häuser kaufte und die Reichen höhere Steuern zahlten

Deutschland erlebt die größte Vermögensanhäufung seiner Geschichte – und gleichzeitig wird Eigentum für viele Menschen immer unerreichbarer. Die Debatte über eine Vermögenssteuer ist deshalb mehr als ein Streit über Steuersätze. Sie berührt eine grundlegendere Frage: Was braucht eine Gesellschaft, damit sich Arbeit lohnt und die Mittelschicht nicht aufgerieben wird?
Vermögenssteuer: Als die Mittelschicht noch Häuser kaufte und die Reichen höhere Steuern zahlten

Wer hat, dem wird gegeben

Die Wirtschaftsleistung hat sich seit dem Wirtschaftswunder vervielfacht, Unternehmen arbeiten produktiver, private Vermögen erreichen Rekordstände. Rein rechnerisch müsste das soziale Aufstiegsversprechen heute stabiler sein als jemals zuvor. Doch viele der Millenials und der Gen Z scheinen die Hoffnung auf Aufstieg und materiellen Erfolg aufzugeben. Die Inflation, die Immobilienpreise – wer nicht erbt, geht in der Regel leer aus und hat wenig Chancen, irgendwie noch an Eigentum zu gelangen.

Ob Ingenieure, IT-Fachkräfte, Lehrer oder Angestellte – die jungen Menschen in Deutschland sehen keinen Ausweg, und so manche suchen ihr Glück woanders und wandern aus. Und das, obwohl viele rechnerisch mehr verdienen als ihre Eltern im gleichen Alter, über bessere Abschlüsse verfügen und häufig in Haushalten mit zwei Einkommen leben. Reicht aber nicht. Der Weg ins Eigenheim ist deutlich schwieriger als für jene Generation, die in den fünfziger und sechziger Jahren den Grundstein der modernen Mittelschicht legte. Warum ist das so? Und was hat es mit der wachsenden Bedeutung von Eigentum im Verhältnis zum Einkommen zu tun?

Die vergessene Bundesrepublik

Wenn heute über Vermögenssteuern diskutiert wird, entsteht oft der Eindruck, es handle sich um ein neues oder gar radikales Instrument. Historisch betrachtet stimmt das nicht. Bis Ende 1996 wurde Vermögen in Deutschland jährlich besteuert, zuletzt mit einem Regelsatz von rund einem Prozent, für Betriebsvermögen deutlich niedriger. Gleichzeitig lagen die Spitzensteuersätze der Einkommensteuer in den Nachkriegsjahrzehnten regelmäßig oberhalb von fünfzig Prozent, Anfang der achtziger Jahre sogar bei rund 56 Prozent. Heute liegt der Spitzensteuersatz bei 42 Prozent, ergänzt durch eine „Reichensteuer“ von 45 Prozent für sehr hohe Einkommen.

Trotz dieser – eigentlich – höheren Belastung entwickelte sich in der alten Bundesrepublik eine breite Eigentümergesellschaft. Millionen Familien kauften Grundstücke, bauten Häuser und erwarben Wohnungen. Das Eigenheim war für viele Haushalte ein realistisches Ziel. Eine einfache Kausalität lässt sich daraus nicht ableiten. Das Wirtschaftswunder beruhte auf vielen Faktoren: Wiederaufbau, technologische Dynamik, eine junge Bevölkerungsstruktur, die Zuwanderung von Arbeitskräften und eine starke Industrie. Dennoch bleibt eine historische Beobachtung bestehen: Eine Zeit höherer Steuern auf Einkommen und Vermögen war zugleich eine Zeit, in der der Vermögensaufbau breiter Bevölkerungsschichten gut funktionierte.

Denn das ist einer der Hauptdeals für die Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Regierung: Ihr kriegt unsere Steuern, dafür sorgt ihr für Sicherheit, Wachstum und Wohlstand. Wird dieses implizite Versprechen gebrochen, wenden die Menschen sich noch weiter ab von der Politik und ziehen an die extremen Ränder, von denen sie sich Wandel erhoffen, oder zumindest einen Denkzettel für Herrschenden mit ihren Abgaben.

Das Vermögensgefälle zwischen Ost und West

Besonders deutlich zeigt sich die Vermögensfrage noch immer im Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschland. Mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung verfügen Haushalte in den neuen Bundesländern im Durchschnitt über deutlich geringere Vermögen als jene im Westen. Der Hauptgrund liegt weniger bei den Einkommen als beim Eigentum. In der DDR konnten private Immobilien- und Unternehmensvermögen kaum in vergleichbarer Weise aufgebaut und über Generationen weitergegeben werden. Als nach 1990 die Immobilienpreise und Unternehmenswerte in Deutschland stark stiegen, profitierten daher vor allem Haushalte, die bereits über Eigentum verfügten.

Nach Daten der Deutschen Bundesbank lag das durchschnittliche Nettovermögen eines Haushalts im Osten 2023 bei rund 170.100 Euro, im Westen dagegen bei 364.900 Euro. Noch deutlicher wird der Unterschied beim Medianvermögen, das die Mitte der Gesellschaft besser abbildet: Während der mittlere westdeutsche Haushalt über 143.200 Euro Nettovermögen verfügte, waren es im Osten lediglich 35.900 Euro. Ein wesentlicher Grund liegt im Eigentum. Nur 29 Prozent der Haushalte in Ostdeutschland besitzen Wohneigentum, im Westen sind es 45 Prozent.

Viele ostdeutsche Familien starteten dagegen ohne nennenswerte Vermögensbasis in die Marktwirtschaft. Die Folge ist ein bis heute sichtbarer Unterschied bei Immobilienbesitz, Unternehmensbeteiligungen und Erbschaften. Während Einkommen zwischen Ost und West schrittweise zusammengewachsen sind, bleibt die Vermögenslücke erheblich größer. Damit zeigt sich besonders anschaulich, wie stark langfristiger Wohlstand von bereits vorhandenem Eigentum abhängt – und wie schwierig es ist, fehlendes Vermögen allein durch Arbeitseinkommen aufzuholen.

Der verschobene Schwerpunkt: Vermögen wächst schneller als Arbeit

Glaubt man einer bestimmten ökonomischen Richtung, betrifft die entscheidende Verschiebung der vergangenen Jahrzehnte, durch die unsere aktuelle Lage zustande kommt, nicht die Einkommen, sondern die Vermögen.

Dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zufolge stieg das Verhältnis von privatem Vermögen zum Nationaleinkommen seit den sechziger Jahren deutlich an. Während es damals etwa dem Doppelten eines Jahresnationaleinkommens entsprach, liegt es heute um ein Vielfaches höher. Dieser drastische Anstieg ist sehr ungleich verteilt. Ökonomen warnen davor, dass dadurch vor allem die Menschen profitieren, die ohnehin schon vermögend sind. Für Vermögende ist es durch den Zinseszinseffekt leichter geworden, ihr Kapital weiter zu vermehren, während der Großteil der Bevölkerung kaum Vermögen aufbauen kann.

Das hat konkrete Folgen: Ein einmal gekauftes Haus wird über Jahrzehnte zum zentralen Vermögensbaustein. Immobilienpreise steigen vielerorts schneller als Löhne. Aktien und Beteiligungen entwickeln sich dynamischer als Arbeitseinkommen. Und fürs tägliche Leben bleibt immer weniger Geld in den Taschen. Der französische Ökonom Thomas Piketty hat diesen Mechanismus ins Zentrum seiner Forschung gerückt. Seine zentrale These lautet, dass der Kapitalismus Ungleichheit verstärkt, wenn die Rendite auf Vermögen dauerhaft höher ausfällt als das Wachstum von Wirtschaft und Einkommen. Pointiert formuliert er: „Die Vergangenheit neigt dazu, die Zukunft aufzufressen.“ Gemeint ist die wachsende Dominanz bereits vorhandenen Eigentums.

Arbeit gegen „Glücksspiel“: Die steuerliche Schieflage

Ein weiterer Konflikt zeigt sich in der steuerlichen Behandlung von Arbeit und Kapital. Der Autor, Professor und Aktivist Cory Doctorow kritisiert eine strukturelle Verzerrung moderner Steuersysteme. In Staaten mit eigener Währungssouveränität seien Steuern für sehr Vermögende nicht primär ein Finanzierungsinstrument, sondern ein politisches Steuerungswerkzeug. Sie dienten dazu, Macht zu begrenzen. Wörtlich schreibt er, Staaten erheben Steuern, „um die Kaufkraft – und damit die politische Macht – der Reichen zu verringern“. In weniger souveränen Systemen könne das Gegenteil eintreten: Wenn Milliardäre Steuern umgehen, entziehen sie dem Staat nicht nur Einnahmen, sondern schwächen auch dessen Handlungsfähigkeit. Doctorow formuliert zugespitzt: „sie hungern auch ihre Gesellschaften aus“.

Noch deutlicher wird seine Kritik an der unterschiedlichen Behandlung von Einkommen: Doctorow spricht von der „bevorzugte steuerliche Behandlung von Kapitalerträgen (Geld aus Glücksspiel) […], während Löhne (Geld aus nützlicher Arbeit) höher besteuert werden“. Besonders sichtbar wird diese Schieflage in Teilen der Finanzindustrie. In der Private-Equity-Branche in den USA beispielsweise ermöglichen Konstruktionen wie sogenannte „fee waivers“ die Umdeklaration hoher Einkommen. Doctorow kritisiert, dass dadurch Menschen mit „acht- oder neunstelligen Gehältern“ ihre Einnahmen als Kapitalerträge versteuern können – zu deutlich niedrigeren Sätzen als klassische Arbeitseinkommen.

Eigentum als neue soziale Trennlinie

Der ehemalige Trader Gary Stevenson beschreibt aus eigener Erfahrung eine ähnliche Entwicklung. Große Kapitalmengen suchen nach Anlagemöglichkeiten, fließen in Immobilien und treiben die Preise weiter nach oben. Wer bereits Eigentum besitzt, profitiert überproportional. Wer keines besitzt, wird zunehmend ausgeschlossen. Damit verschiebt sich die gesellschaftliche Trennlinie. Sie verläuft immer weniger zwischen klassischen Einkommensgruppen, sondern zunehmend zwischen Eigentümern und Nicht-Eigentümern. Besonders deutlich zeigt sich das am Immobilienmarkt. In vielen deutschen Städten haben sich die Preise seit den frühen 2000er-Jahren vervielfacht. Für Käufer bedeutet das hohe Finanzierungslasten. Für Mieter bleibt der Zugang zum Eigentum häufig dauerhaft versperrt.

Die Rückkehr der Erbschaftsgesellschaft

Parallel dazu gewinnt ein weiterer Faktor an Bedeutung: die Vermögensübertragung zwischen Generationen: Deutschland erlebt derzeit die größte Erbschafts- und Schenkungswelle seiner Geschichte. Ein erheblicher Teil des privaten Vermögens stammt inzwischen aus Übertragungen innerhalb der Familie. Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigen zudem, dass große Erbschaften überproportional häufig bei ohnehin wohlhabenden Haushalten landen. Das verändert die Logik des Aufstiegs. Leistung bleibt wichtig, doch sie konkurriert stärker mit Herkunft. Je größer bestehende Vermögen werden, desto stärker wirkt der Startvorteil jener, die bereits besitzen.

Warum die Vermögenssteuer verschwand

Oft heißt es, Deutschland habe die Vermögenssteuer abgeschafft. Genau genommen greift diese Darstellung zu kurz. Das Bundesverfassungsgericht erklärte 1995 nicht die Steuer selbst für unzulässig, sondern die damalige Bewertung von Vermögen. Immobilien und andere Vermögensarten wurden auf Basis veralteter Einheitswerte unterschiedlich behandelt. Nachdem das Bundesverfassungsgericht die ungleiche Bewertung verschiedener Vermögensarten beanstandet hatte, hätte der Gesetzgeber die Steuer reformieren können. Stattdessen entschied sich die damalige Bundesregierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl, auf eine Neuregelung zu verzichten.

Befürworter dieses Kurses argumentierten, Deutschland müsse im Zeitalter der Globalisierung attraktiver für Investitionen werden und dürfe Unternehmer sowie Kapital nicht zusätzlich belasten. Kritiker hielten dagegen, dass damit vor allem große Vermögen entlastet wurden. Hinzu kamen praktische Probleme: Die regelmäßige Bewertung von Immobilien, Unternehmensanteilen und anderen Vermögenswerten galt als aufwendig und streitanfällig. Statt einer Anpassung wurde die Steuer also einfach nicht weiter erhoben. Seit 1997 existiert sie faktisch nicht mehr, obwohl die rechtliche Grundlage weiterhin besteht. Das zeigt: Die heutige Situation ist kein Naturgesetz. Sie ist das Ergebnis politischer Entscheidungen. Und kann dadurch natürlich auch geändert werden.

Was eine Vermögenssteuer leisten könnte

Die Wirkung einer Vermögenssteuer bleibt umstritten. Sie könnte große Vermögenskonzentrationen bremsen und fiskalischen Spielraum schaffen, um Arbeit zu entlasten oder Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Wohnungsbau zu finanzieren. Zudem könnte sie die steuerliche Schieflage zwischen Arbeit und Kapital zumindest teilweise korrigieren.

Gleichzeitig löst sie strukturelle Probleme nicht automatisch. Sie schafft keine Wohnungen, beschleunigt keine Bauverfahren und erweitert kein Baulandangebot. Hinzu kommen Risiken: Vermögen ist heute mobiler als früher, Unternehmensstrukturen sind international vernetzt und Kapital lässt sich schneller verlagern.

Die entscheidende Frage reicht daher tiefer: Kann eine Marktwirtschaft – und damit auch eine Gesellschaft – dauerhaft stabil bleiben, wenn Vermögen schneller wächst als Arbeitseinkommen? Vermutlich eher nicht. Und vermutlich wäre es daher sinnvoll, über bestimmte Formen der Umverteilung etwas intensiver als aktuell nachzudenken, um den Trend der relativen und absoluten Vermögungsverteilung besonders von der Mittelschicht zu verlangsamen oder sogar zu stoppen oder gar umzukehren. Gerade angesichts der demografischen Entwicklungen und der KI-Revolution und/oder dem Platzen der KI-Blase sollte die Politik hier mutiger handeln – sonst wird sie abgewählt.

Eine Frage der Stabilität

Die Debatte wird häufig verkürzt geführt – als Streit zwischen Umverteilung und Besitzstandswahrung. Tatsächlich geht es um etwas Grundsätzlicheres: die Stabilität des sozialen Modells: Eine Gesellschaft funktioniert, solange das Gefühl besteht, dass Arbeit zu Eigentum führen kann, dass Aufstieg möglich bleibt und dass jede Generation bessere Chancen hat als die vorherige. Dieses Versprechen bildete den Kern der sozialen Marktwirtschaft.

Doch genau dieses Versprechen gerät unter Druck, wenn Vermögen sich stärker über Besitz und Erbschaft vermehrt als über Arbeit und Sparen. Cory Doctorow wiederum warnt vor den politischen Folgen wachsender Ungleichheit: „Das diskreditiert das gesamte System, zerstört den sozialen Zusammenhalt und macht es schwer, sich überhaupt vorzustellen, dass wir eine bessere Welt aufbauen können“.

Besonders interessant wird die Debatte dadurch, dass ähnliche Warnungen nicht nur von Ungleichheitsforschern oder linken Ökonomen kommen. Warren Buffett beispielsweise, einer der erfolgreichsten Investoren der Geschichte, äußert sich seit Jahren bemerkenswert offen zur Vermögenskonzentration. Von ihm stammt das Zitat: „Es gibt Klassenkampf, natürlich. Aber es ist meine Klasse, die reiche Klasse, die Krieg führt – und wir gewinnen.[…] Aber sie sollte nicht gewinnen.“ Steuern, die Reiche und Superreiche zahlen, sind seit den 1950ern und 1960ern bis heute stark gesunken. Und wenn ein Land mal aufmuckt, dann zuckt es gleich wieder zurück, weil die Reichen sagen: Dann gehen wir mit unserem schönen Geld halt woanders hin! Dass sie das natürlich dennoch tun, in Steueroasen, scheint dabei eine untergeordnete Rolle zu spielen.

Nichtstun ist die riskanteste Entscheidung

Die Vermögenssteuer ist deshalb weniger das eigentliche Thema als vielmehr ein Symptom. Im Zentrum steht die Frage, wie Eigentum in einer modernen Gesellschaft verteilt, aufgebaut und weitergegeben wird.

Entscheidend wird nicht sein, ob einzelne Steuerinstrumente eingeführt oder abgeschafft werden. Entscheidend ist, ob die soziale Marktwirtschaft ihr zentrales Versprechen halten kann: dass eine breite Mittelschicht durch Arbeit Eigentum aufbauen kann – und nicht eine Welt entsteht, in der der Zugang zu Vermögen zunehmend von Startbedingungen abhängt, die Menschen selbst nicht mehr beeinflussen können.

Wer den sozialen Zusammenhalt erhalten will, muss vor allem verhindern, dass sich die Gesellschaft dauerhaft in Eigentümer und Nicht-Eigentümer aufspaltet. Ob dafür eine Vermögenssteuer nötig ist oder andere Reformen wirksamer wären, bleibt eine politische Entscheidung. Die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte legt jedoch nahe, dass Nichtstun ebenfalls eine Entscheidung ist – und womöglich die riskanteste.

Schreibe einen Kommentar