IPO-Fieber: Warum SpaceX, Anthropic und OpenAI Anleger blenden könnten

SpaceX, OpenAI und Anthropic stehen für die neue Börsenfantasie der KI-Ära. Doch die Rekordbewertungen erinnern an frühere Exzesse, in denen Anleger große Zukunftsgeschichten teuer bezahlten. Wer jetzt einsteigt, muss wissen, wann aus Innovation Spekulation wird.
IPO-Fieber: Warum SpaceX, Anthropic und OpenAI Anleger blenden könnten

IPO-Fieber: SpaceX, OpenAI und Anthropic heizen die Börsenfantasie an

Wenn private Investoren Zukunft verkaufen, kaufen Kleinanleger oft eine Geschichte. Was sagt der kurzzeitige Erfolg des SpaceX-IPO über die Temperatur an den Märkten aus? Was heißt das für die geplanten Börsengänge von OpenAI und Anthropic? Die Kollegen vom slowenischen DWN-Partnerportal von Finance.si sind diesen Fragen nachgegangen.

Manchmal sagt eine Zahl mehr als mehrere Hundert Seiten eines Börsenprospekts. Bei SpaceX, dem Raumfahrt- und Telekommunikationsunternehmen, das sich zunehmend als KI-Schwergewicht positionieren will, lautet diese Zahl 135. Gemeint ist kein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 135, sondern eine Bewertung, die dem 135-Fachen des Vorjahresumsatzes entspricht. Genau diese Zahl erhitzt in den ersten heißen Wochen dieses Börsenjahres die westliche Finanzwelt. Ähnliche Bewertungen zeigen sich auch bei anderen KI-Giganten. Das erinnert an frühere Phasen, in denen IPO-Euphorie an den Börsen oft kurz vor kräftigen Rücksetzern stand.

Wenn große Anlegergruppen bereit sind, ein derart hohes Vielfaches des Umsatzes für die SpaceX-Aktie zu bezahlen, drückt das eine starke Überzeugung aus. Sie setzen darauf, dass die Erlöse und vor allem die Gewinne in Zukunft gewaltig steigen.

Das kann eintreten. SpaceX ist kein gewöhnliches Unternehmen. Es verfügt über führende Technologie für Raketenstarts, Satelliten, ein globales Telekommunikationsgeschäft, staatliche Aufträge, Infrastruktur und einen Gründer, der mehrfach die Grenzen des Machbaren verschoben hat. Gerade deshalb ist die Geschichte für Kleinanleger gefährlich. Der weitere Weg an der Börse dürfte voller Wendungen sein. Es wird wenig Greifbares geben, die Zahlen werden ständig in der Luft hängen. In diesem Fall sogar im wörtlichen Sinn, wie wir in unserer SpaceX-Aktienanalyse aufzeigen.

SpaceX, OpenAI, Anthropic: Warum die IPO-Welle ein Warnsignal für Anleger sein könnte

Der Börsengang von SpaceX lässt sich vor allem als Signal für den Börsenzyklus verstehen, wenn man die IPO-Pläne der entstehenden KI-Giganten Anthropic und OpenAI hinzunimmt.

Unternehmen streben in der Regel dann an die Börse, wenn die Bewertungen hoch sind und Anleger wieder bereit sind, Risiken einzugehen. Das gilt besonders für Firmen, die mit Milliarden Dollar von Risikokapitalfonds finanziert wurden. Diese Fonds stiegen zu niedrigeren Bewertungen ein. Kleinanleger werden erst dann in die Eigentümerstruktur gelassen, wenn der Preis aus Sicht der frühen Investoren für einen teilweisen Ausstieg attraktiv genug ist.

Dass die SpaceX-Aktie in den ersten Tagen nach dem Börsengang bei Anlegern gut ankommt und dass sowohl Anthropic als auch OpenAI plötzlich mit großer Eile an die Börse drängen, lässt sich schwer von einem Eindruck trennen: Einer der Beweggründe dürfte die Einschätzung sein, dass viele Anleger bereit sind, Aktien auf Basis von Versprechen zu kaufen, nicht auf Basis bisheriger Zahlen.

Kollegen des schwedischen Schwestermediums Dagens Industri haben frühere IPO-Phasen und Börsenzyklen verglichen. Aus den historischen Bewegungen lässt sich ableiten, dass Börsengänge ein Thermometer für die Markttemperatur sein können.

Sie erinnerten an drei Phasen. Die Dotcom-Manie bis 2000, den Optimismus bis 2007 und die starke Erholung an den Aktienmärkten nach den ersten Pandemiewellen im Jahr 2021. In allen drei Phasen war der Appetit auf neue Aktien groß, und das Angebot folgte diesem Hunger. In allen drei Phasen stellten Anleger wenig später fest, dass ihnen die heißesten Startup-Geschichten kurz vor Kurskorrekturen serviert wurden.

Die Daten zeigen, dass die Zahl der IPOs heute noch nicht auf dem Niveau der Euphorie von 2000 oder 2021 liegt. In den vergangenen zwölf Monaten wurden laut Bloomberg-Datenbank 2.264 IPOs durchgeführt. Das ist zwar der höchste Wert seit vier Jahren, aber nur etwa die Hälfte der Börsengänge des Jahres 2021. Die Zahl liegt zudem rund ein Drittel unter der Zahl neuer Börsennotierungen in den Jahren 2007 und 2000. Bei den Volumina der neu angebotenen Aktien nähert sich der Markt jedoch wieder Niveaus, die in der Vergangenheit häufig auf eine späte Phase des Aktienzyklus hindeuteten. Das gilt besonders, wenn man die bereits angekündigten IPOs von Anthropic und OpenAI einbezieht.

IPO-Fieber und Dotcom-Vergleich: Wenn richtige Technologien falsche Aktien teuer machen

Der Aufstieg der künstlichen Intelligenz erinnert an die ersten Jahre der Internetbegeisterung. Heute ist klar, dass das Internet die Welt tatsächlich in das Informationszeitalter geführt hat. Doch längst nicht jedes Unternehmen, das sich zur Jahrtausendwende in seinen Prospekten mit Online-Diensten schmückte, brachte seinen Aktionären die erhofften Renditen. Anleger glaubten an die richtige Technologie. Am Ende zeigte sich aber, dass nur wenige Unternehmen echte Gewinner wurden.

Im Jahr 1999 schlossen 117 US-Unternehmen, die neu an die Börse gingen, ihren ersten Handelstag mit einem Plus von mehr als 100 Prozent. Anleger empfingen Firmen mit offenen Armen, die vor ihrem IPO praktisch niemand kannte. Einige entwickelten Software, andere Online-Dienste, wieder andere Internetinfrastruktur. Später zeigte sich jedoch, dass die meisten dieser Geschichten bitter endeten.

Theglobe.com: Vom Internet-Traum zur Penny-Stock-Aktie

Theglobe.com wurde zu einem der frühen Symbole dieser Euphorie. Das Unternehmen war eine Art früher Vorläufer sozialer Netzwerke. Nutzer konnten im Internet persönliche Seiten erstellen, sich zu Online-Gemeinschaften zusammenschließen, chatten und Beiträge in Foren veröffentlichen. Ende der neunziger Jahre klang das wie der Keim eines neuen Internets. Ein virtueller Raum, in dem Menschen zusammenleben, sich präsentieren und kommunizieren würden. Das Geschäftsmodell war deutlich weniger revolutionär als die Geschichte. Theglobe.com lebte vor allem von Werbung. Das setzte voraus, dass das Unternehmen schnell genug ausreichend Nutzer und Seitenaufrufe sammeln würde, damit Werbekunden immer mehr Geld für diese Reichweite zahlten. Im ersten Halbjahr 1998 erzielte das Unternehmen nur 1,2 Millionen Dollar Umsatz und 5,82 Millionen Dollar Verlust.

Diese roten Zahlen störten die Anleger kaum. Sie glaubten, dass sich der Wert erst in der Zukunft zeigen werde. Am Tag des IPO sprang die Aktie von neun Dollar auf 97 Dollar und schloss bei 63,50 Dollar. Die beiden Gründer, kaum älter als 20 Jahre, wurden über Nacht zu Symbolen des neuen Reichtums der Internetära.

Gerade bei Theglobe.com zeigte sich jedoch sehr schnell der Unterschied zwischen Nutzeraufmerksamkeit und einem tragfähigen Geschäft. Das Unternehmen hatte Besucher, eine Geschichte und mediale Aufmerksamkeit. Es hatte aber kein belastbares Geschäftsmodell. Die Werbeeinnahmen, die eine Bewertung von fast einer Milliarde Dollar rechtfertigen sollten, flossen nicht wie geplant. Es hakte bei den Margen und am Ende beim Gewinn. Die Aktie rutschte von ihrem Hoch bei 97 Dollar in weniger als drei Jahren auf unter zehn Cent.

Vom Börsenliebling zum Totalverlust: Die Lehren aus dem Fall Webvan

Lehrreich ist auch die Geschichte des Online-Händlers Webvan. Gemessen an der Idee wirkt das Unternehmen aus heutiger Sicht, als habe es auf der richtigen Seite der Geschichte gestanden. Webvan bot Online-Bestellungen von Lebensmitteln und Lieferung nach Hause an. Was heute selbstverständlich erscheint, war Ende der neunziger Jahre revolutionär. Auch die Börse verstand die Geschichte zunächst genau so. Im November 1999 kam Webvan zu 15 Dollar an die Börse und schloss den ersten Handelstag 65 Prozent über dem Ausgabepreis. Die Bewertung überstieg 4,8 Milliarden Dollar, obwohl das Unternehmen bis dahin nur 395.000 Dollar Umsatz und mehr als 50 Millionen Dollar Verlust erzielt hatte. Das war fast ein Lehrbuchbild der Dotcom-Euphorie. Geringe Umsätze, hohe Verluste, riesige Versprechen und schwindelerregende Bewertungen.

Webvan eilte der Nachfrage jedoch voraus. Das Unternehmen baute die Infrastruktur der Zukunft, bevor es den Markt dafür gab. Es investierte in teure automatisierte Lager, Logistik und Expansion in US-Städte, als sei die massenhafte Online-Bestellung von Lebensmitteln bereits im Alltag der Verbraucher angekommen. Das war sie noch lange nicht. Die Ergebnisse fielen entsprechend aus. Jede Lieferung verursachte Verlust. Je mehr Lieferungen es gab, desto größer wurde der Verlust. Mit dem Wachstum schloss sich die finanzielle Lücke nicht. Sie wurde größer. Was im November 1999 als eine der großen Internetversprechen begann, verwandelte sich in weniger als zwei Jahren in einen nahezu vollständigen Wertverlust.

700 Prozent an einem Tag: Wie VA Linux zum Symbol der Internetblase wurde

Nach einigen Deutungen erreichte die Dotcom-Blase ihren symbolischen Höhepunkt im Dezember 1999 mit dem Börsengang von VA Linux Systems. Das Unternehmen verkaufte Server und Workstations mit vorinstalliertem Linux-System. Zielgruppe waren Internetunternehmen, Entwickler und andere Nutzer, die in Open-Source-Software eine Alternative zu Microsoft und teuren proprietären Systemen sahen. Linux genoss unter Technologie-Enthusiasten fast Kultstatus. Es war offen, günstig, anpassbar und ideologisch anders als die Welt, die Microsoft verkörperte. Für viele Anleger war VA Linux deshalb die Börsenkarte in die Open-Source-Zukunft des Internets.

Das Geschäft folgte der verheißungsvollen Geschichte jedoch nicht. VA Linux verkaufte Hardware mit niedrigen Margen und stand unter starkem Wettbewerbsdruck. Trotzdem nahm Wall Street das Unternehmen im Dezember 1999 als eine der reinsten Wetten auf Linux auf. Der Ausgabepreis der Aktie lag bei 30 Dollar. Am ersten Handelstag schoss sie bis auf 320 Dollar und schloss bei 239,25 Dollar. Das entsprach fast 700 Prozent über dem Ausgabepreis. Bald zeigte sich jedoch, dass Linux zwar bedeutend werden würde, aber nicht in der erhofften Form zur Grundlage einer neuen Internetökonomie wurde. Vor allem zeigte sich, dass VA Linux auf Basis des alternativen Betriebssystems nur schwer Gewinn erzielen konnte.

Heute laufen zahlreiche Server, Clouds, Rechenzentren und große Teile des Internetrückgrats auf Linux. VA Linux wurde trotzdem nicht zum Microsoft der Open-Source-Ära. Weniger als ein Jahr nach dem Rekord-IPO fiel die Aktie unter ihren Ausgabepreis. Das Unternehmen gab später sein ursprüngliches Hardwaregeschäft auf und stellte sich neu auf.

Zwischen Dotcom-Blase und KI-Boom: Warum die Nvidia-Aktie zu den großen Ausnahmen zählt

Nicht alle Geschichten endeten negativ. Nvidia, heute das größte Unternehmen nach Marktkapitalisierung, ging im Januar 1999 an die Börse. Vor der Notierung wurden die Aktien zu zwölf Dollar angeboten. Seitdem gab es eine Serie von Aktiensplits, deshalb lässt sich der IPO-Preis nicht direkt mit dem heutigen Marktpreis von rund 200 Dollar vergleichen. Am ersten Handelstag legte die Aktie 64 Prozent zu. Das war enorm, doch man darf nicht übersehen, dass im selben Jahr 117 IPO-Unternehmen ihren Preis am ersten Handelstag verdoppelten. Die weitere Entwicklung war dennoch außergewöhnlich. Bis zum Platzen der Dotcom-Blase im März 2000 stieg der Aktienkurs seit dem IPO um mehr als 1.100 Prozent. In den folgenden sieben Monaten halbierte er sich allerdings wieder.

Unter den IPO-Stars jener Zeit deutete Nvidia zunächst nicht darauf hin, dass das Unternehmen ein Vierteljahrhundert später zu den großen Gewinnern der Informationsära zählen würde. Vielleicht auch deshalb nicht, da Nvidia keine Online-Dienste verkaufte, sondern Grafikchips. Also Hardware, vor allem für Computerspiele. Gut zehn Jahre später begann eine breitere Nutzung, auch für das Schürfen von Kryptowährungen. Danach lieferte Nvidia die Schaufeln für die heutige Revolution der künstlichen Intelligenz. Bemerkenswert ist zudem Folgendes. Wer die Aktie beim IPO gekauft und bis heute gehalten hätte, käme auf eine Rendite von 803.900 Prozent. Eine beim IPO für zwölf Dollar gekaufte Aktie hätte nach allen Splits der vergangenen 27 Jahre 480 Nvidia-Aktien ergeben. Der Wert eines solchen Portfolios läge bei 96.500 Dollar.

KI statt Internet: Warum die heutige Börseneuphorie anders ist als 1999

Was unterscheidet die heutige Lage von damals? Angesichts der Begeisterung für Unternehmen aus dem Bereich künstliche Intelligenz, die hohe Verluste und gewaltigen Kapitalbedarf abwehren wollen, aber ihr enormes Potenzial betonen, drängen sich Parallelen zur Dotcom-Phase auf.

Es gibt allerdings einen wichtigen Unterschied. Damals dominierten junge Unternehmen mit Versprechen und ohne Gewinne. Heute stehen viele Firmen im Zentrum, die bereits zum Rückgrat der Informationsära gehören oder daraus als Sieger hervorgegangen sind. Zumindest in den bisherigen Etappen. Beim Blick auf die Gewinne amerikanischer Unternehmen fehlt es nicht an Gründen für Optimismus. Ein wesentlicher Grund sind die Gewinne der IT-Giganten.

Bloomberg Intelligence kommt zu dem Schluss, dass die diesjährige Berichtssaison der Unternehmen im S&P 500 außergewöhnlich stark war. Der Gewinn je Aktie stieg um 29,4 Prozent. Das war mehr als doppelt so viel wie von Analysten erwartet. Die Nettomarge dürfte auf dem Weg zu 15,6 Prozent sein, die operative Marge zu 17 Prozent. Insgesamt 410 Indexunternehmen meldeten Gewinne über den Erwartungen. Das war der höchste Wert seit vier Jahren. Besonders wichtig ist dabei, dass Unternehmen, die als zentrale Entwickler künstlicher Intelligenz gelten, rund die Hälfte des Gewinnwachstums des gesamten Index erzielten.

Das ist gegenüber 1999 ein erheblicher Unterschied. Damals begeisterte sich Wall Street für Unternehmen, die ihr Geschäftsmodell erst suchten. Heute erzielen die größten Gewinner der künstlichen Intelligenz enorme Umsätze, hohe Gewinne und Rekordmargen.

Die KI-Giganten verdienen Milliarden: Warum Experten dennoch warnen

Das ist das stärkste Argument gegen die These, dass alles nur eine Blase sei. Doch außergewöhnliche Gewinne und Rekordmargen wecken auch hohe Erwartungen. Darauf machte der Finanzexperte Peter Perkins vom renommierten Analysehaus MRB Partners auf einer Finanzkonferenz aufmerksam. Er formulierte die entscheidende Frage. Wie viel Raum bleibt noch für weiteres Margenwachstum, und welcher Teil des künftigen Gewinnwachstums ist bereits in den Kursen enthalten?

Perkins warnt, dass Aktien, besonders amerikanische Aktien, nach allen rationalen Maßstäben teuer sind. Das bedeutet nicht, dass sie morgen fallen müssen. Es bedeutet aber, dass der Sicherheitspuffer dünner geworden ist. Anleger sind durch die sehr guten Renditen verwöhnt, besonders bei US-Aktien. Deshalb übertragen sie die Erfahrung der vergangenen Jahre häufig in die Zukunft. Solches Fortschreiben vergangener Trends ist an der Börse immer gefährlich, warnt Perkins. Das gilt besonders dann, wenn sich mehrere günstige Faktoren gleichzeitig bündeln. Hohe Gewinne, niedrige Arbeitslosigkeit, starke Margen, Anlegeroptimismus und die Geschichte einer Technologie, die die Welt verändern soll.

Darin liegt die heutige Ähnlichkeit mit 1999. Microsoft, Alphabet, Amazon und Meta sind keine Internet-Startups ohne Umsatz. Der überwiegende Teil der IT-Börsenstars weist Gewinne aus, die Ende der neunziger Jahre nur versprochen wurden. Ähnlich ist aber das Gefühl, dass die Zukunft so groß ist, dass der Preis weniger wichtig wird. Damals stand das Internet im Mittelpunkt. Heute ist es die künstliche Intelligenz.

IPO-Fieber und Bewertungssignale: Was CAPE, Buffett-Indikator und Deutschland daraus lernen lassen

Auch wenn sich Märkte häufig von fundamentalen Werten entfernen, die Finanzexperten mit großem Aufwand berechnen, lohnt sich ein Blick auf diese Kennziffern. Sie helfen bei der Frage, wo der Markt im Zyklus steht.

Einer der bekanntesten langfristigen Bewertungsmaßstäbe ist das Shiller-CAPE. Dabei handelt es sich um ein zyklisch bereinigtes Kurs-Gewinn-Verhältnis. Das normale Kurs-Gewinn-Verhältnis vergleicht den aktuellen Aktienpreis mit den jüngsten oder erwarteten Gewinnen. Der Indikator des Wirtschaftsnobelpreisträgers Robert Shiller versucht hingegen, einen Teil des zyklischen Rauschens herauszufiltern. Er vergleicht den Marktpreis mit dem Durchschnitt der realen, also inflationsbereinigten Gewinne der vergangenen zehn Jahre. Das Zehnjahresmittel liefert ein ruhigeres Bild davon, wie viel Anleger für die langfristige Fähigkeit von Unternehmen zahlen, Gewinne zu erzielen.

Das Shiller-CAPE für den S&P 500 lag beim Schreiben des Ausgangsartikels bei ungefähr 41. Damit befindet es sich weit über dem langfristigen Durchschnitt von rund 17. Der historische Höchststand lag Ende 1999, kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase, bei etwas mehr als 44. Das heutige Niveau liegt also nahe an Bereichen, die Anleger im vergangenen Jahrhundert nur sehr selten gesehen haben.

Der Indikator sagt nicht, wann der Markt fallen wird. Finanzexperten nutzen ihn aber gern als Maßstab für die langfristig erwartbare Aktienrendite. Wer bei sehr niedrigen Bewertungen kauft, erwirbt künftige Gewinne mit größerem Sicherheitspuffer. Wer bei sehr hohen Bewertungen kauft, braucht eine Zukunft, die deutlich mehr Versprechen erfüllt. Die erwartete Rendite fällt in einem solchen Fall naturgemäß niedriger aus.

Das bedeutet noch nicht, dass sich das Jahr 2000 wiederholen muss. Bewertungen können lange hoch bleiben, vor allem wenn Gewinne steigen, Zinsen die Wirtschaft nicht abwürgen und Anleger an dauerhaft höhere Profitabilität glauben. Das CAPE signalisiert Anlegern jedoch, dass bereits viel Optimismus in den Kursen steckt.

Ein ähnliches Warnsignal sendet der nach Warren Buffett benannte Buffett-Indikator. Er vergleicht die gesamte Marktkapitalisierung amerikanischer Aktien mit dem Bruttoinlandsprodukt der USA. Buffett bezeichnete ihn einst als einen der besten einzelnen Indikatoren dafür, wo die Bewertungen stehen.

Die Formel zeigt, dass Anleger eine enorme Prämie für künftige Gewinne bezahlen, wenn der Börsenwert aller Unternehmen im Verhältnis zur Größe der Volkswirtschaft sehr hoch ist. Einer aktuellen Schätzung zufolge lag der Indikator Anfang Juni bei ungefähr 230 Prozent. Das bedeutet, dass der gesamte Marktwert amerikanischer Aktien mehr als 2,5-mal so hoch war wie die jährliche Wirtschaftsleistung der USA. Besonders aussagekräftig ist, dass dieser Wert etwa doppelt so hoch liegt wie der Durchschnitt der vergangenen 35 Jahre. Er liegt zudem deutlich über früheren Spitzen. Vor der Dotcom-Blase betrug das Verhältnis etwas weniger als 150 Prozent. In der schnellen Markterholung nach der Pandemie berührte es 200 Prozent.

Auch Peter Perkins von MRB Partners sieht darin einen Grund zur Vorsicht bei US-Aktien. Zugleich betont er, dass der Indikator allein nicht sagt, dass man gerade heute verkaufen sollte. Er zeigt nur, dass der Markt teuer ist. Er sagt nicht, wann der Markt den Aktionären die Rechnung präsentiert.

Auch das Unicredit Investment Institute liest den Buffett-Indikator nicht als unmittelbaren Blasenalarm. Aus seiner Sicht zeigt der Indikator zwar, dass der Sicherheitspuffer kleiner geworden ist. Das gilt besonders in einem Umfeld, in dem Inflation und Zinsen unsicher bleiben. Wenn der Markt im Verhältnis zur Wirtschaft so groß ist, bleibt wenig Raum für schlechte Nachrichten.

Gleichzeitig weist Unicredit darauf hin, dass der Indikator heute weniger klar ist als früher. Der erste Grund ist die Globalisierung der Umsätze. Amerikanische Börsenunternehmen erzielen einen großen und wachsenden Teil ihrer Erlöse außerhalb der USA. Das Bruttoinlandsprodukt misst dagegen nur die heimische wirtschaftliche Aktivität. Wenn Microsoft, Apple, Nvidia, Alphabet oder Meta weltweit Gewinne erwirtschaften, treibt der Vergleich ihrer Marktbewertung nur mit dem US-Bruttoinlandsprodukt den Indikator mechanisch nach oben.

Der zweite Grund ist die Gewinnkonzentration. Ein immer größerer Anteil der gesamten Unternehmensgewinne fließt zu großen börsennotierten Konzernen. Wenn öffentlich gehandelte Unternehmen einen größeren Teil des wirtschaftlichen Gewinns erfassen als früher, kann das Verhältnis von Marktkapitalisierung zu Bruttoinlandsprodukt dauerhaft höher liegen, ohne dass es dasselbe Signal wie in der Vergangenheit sendet.

Unicredit kommt deshalb zu dem Ergebnis, dass Aktien im Verhältnis zur Wirtschaftsgröße sehr teuer aussehen. Verglichen mit den erwarteten Gewinnen wirken die Preise jedoch weniger extrem.

IPO-Fieber und Rekordbewertungen: Wie groß ist das Rückschlagrisiko an der Wall Street?

Was lässt sich aus den Weltraum-IPOs, den Bewertungskennzahlen und der Geschichte ableiten? Klassische Bewertungsindikatoren mahnen sehr deutlich zur Vorsicht. Wer diese Warnungen in den vergangenen Jahren aber konsequent befolgte, verzichtete auf erhebliche Renditen. Peter Perkins warnt, dass US-Aktien nach rationalen Maßstäben teuer sind und Anleger durch außergewöhnliche Erträge verwöhnt wurden. Als Gegengewicht sieht er hohe Gewinnmargen. Zugleich erkennt er derzeit keinen guten Grund, die Tragfähigkeit dieser Gewinne grundsätzlich infrage zu stellen. Jedes Signal schwächerer Ergebnisse könnte aber deutliche Kursrückgänge auslösen.

Anlegern, die in den vergangenen Jahren eine klassische Vermögensaufteilung von 60 zu 40 bevorzugten, also 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen, empfiehlt Perkins eine leichte Reduzierung der Aktienquote auf 55 Prozent. Die Anleihequote sollte entsprechend auf 45 Prozent steigen. Das erwartete Verhältnis von Rendite zu Risiko sei bei Aktien etwas schwächer als in durchschnittlichen Zeiten. Ganz auf Aktien zu verzichten, hält er jedoch nicht für sinnvoll.

Die Bewertungsindikatoren sagen nicht, dass der Markt morgen fallen wird. Übersehen sollte man ihre Botschaft trotzdem nicht. Das Ausgangsniveau für neue Käufe ist anspruchsvoll. Bei solchen Bewertungen braucht es für gute künftige Renditen eine sehr günstige Kombination aus Gewinnwachstum, hohen Margen, stabilen Zinsen und anhaltendem Vertrauen der Anleger. Bleibt diese Kombination erhalten, kann sie die Börsenparty verlängern. Bricht ein Glied dieser Kette, ist der Raum für Enttäuschung groß.

Genau in diesem Kontext muss man das IPO-Fieber rund um die SpaceX-Aktie und die möglichen Börsendebüts von OpenAI und Anthropic verstehen. Die Vergangenheit legt nahe, dass solche Phasen mit den Höhepunkten eines Börsenzyklus zusammenfallen können. Eine Garantie ist das nicht. Es ist eher eine Erinnerung daran, dass neues Kapital besonders gern dann eingesammelt wird, wenn Anleger bereit sind, sehr viel für Zukunft zu bezahlen.

Viele deutsche Privatanleger, Vermögensverwalter und Altersvorsorgeprodukte hängen über ETFs, Fonds und Einzelaktien stark an US-Technologieaktien. Wenn das IPO-Fieber in den USA die Bewertungen weiter antreibt, betrifft das damit auch Portfolios in Deutschland. Wer über den MSCI World, den S&P 500 oder Nasdaq-nahe Produkte investiert ist, kauft nicht nur Weltwirtschaft, sondern in hohem Maß amerikanische Technologieerwartungen. Ein günstiger Markt kann schlechte Nachrichten verkraften. Ein historisch teurer Markt dagegen braucht ständig gute Nachrichten. Bei einer neuen Aktie, die zu einem Vielfachen des Umsatzes an die Börse kommt, verlangt der Markt für hohe Renditen fast Perfektion.

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